Lehrer. Lernbegleiter. Wegbereiter.

Eine Schule im Wandel ist ein ganzheitlicher Prozess, der verschiedene Entwicklungsfelder berücksichtigt und als Zieldimension eine neue Lernkultur zur Folge hat. Zum Schuljahr 2020/21 wagten wir an der Oberschule Berenbostel den Schritt weg von klassischen Fächern und organisieren seit dem Unterricht themenorientiert in Lernzeiten. Der Stundenplan ist nicht mehr geprägt von kleinen, nicht zusammenhängenden Portionen, sondern von längeren Lernzeiten, dem sog. THEO (Themenorientierten Unterricht). Unsere Lernenden erwarten vier Themenbereiche im Schuljahr, die vier Perspektiven zugeordnet werden. Diese Perspektiven bilden den roten Faden über die gesamte Schulzeit hinweg. Im THEO  lernen die Schülerinnen und Schüler, Themen in größeren Zusammenhängen zu denken und aus verschiedenen Blickrichtungen zu betrachten. Inhalte fusionieren zu Projekten, die über einen Zeitraum von 6 Wochen bearbeitet werden. Mehr Einblicke in unser Konzept erhältst du hier

 

Unsere Intention hinter diesem Konzept ist, dass wir die Selbstständigkeit und Selbstverantwortung für das eigene Lernen stärken wollen. Unsere Jugendlichen sollen Selbstwirksamkeit erfahren und Schule wieder als echten Lernort begreifen. 

Neben der permanenten Haltungsarbeit im Kollegium, der Neugestaltung des Stundenplans, verbunden mit einer veränderten Rhythmisierung, stellt die neue Rolle als Lernbegleiter*in eine große Herausforderung für das Kollegium dar. 

 

From sage on the stage to guide on the side

Schon mit der Einführung des FreiDay vor 4 Jahren und spätestens mit der Umsetzung von THEO und LEA ist allen Beteiligten klar, dass sich die Rolle, die wir in diesem neuen Setting einnehmen, klar unterscheidet von den Modellen unserer eigenen Schulzeit und den Prämissen unseres Studiums und Referendariats. Die angestrebte Veränderung der Lernkultur an der Oberschule Berenbostel erfordert eine andere Begleitung und Unterstützung als an einer 'herkömmlichen' Schule. Insbesondere die vielen Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf brauchen im offenen Lernsetting verlässliche Strukturen.

 

Doch auch wir selbst geben verlässlich geglaubte Strukturen auf und müssen unsere Haltung vom frontalen Dirigent des Lehrens hinterfragen und das Lernen viel stärker durch die Brille unserer Schüler*innen betrachten. Im Laufe der letzten Jahre haben wir gemerkt, dass unterschiedliche Vorstellungen unseres Berufsbildes in den einzelnen Jahrgangsteams durchaus kollidieren. 

 

Selbstverständlich herrscht ein Grundkonsens über unser Rollenverständnis. Zumindest an der Oberfläche. In den Lernzeiten fungieren wir Lehrkräfte in erster Linie als Koordinator*innen, Coach und Begleiter*innen von Lern- und Arbeitsprozessen. Als wichtigen Baustein führten wir daher den wöchentlich stattfinden Lernentwicklungsaustausch (LEA) ein. Hier können wir uns einzelnen Schüler*innen zuwenden und gemeinsam den Lernprozess planen und reflektieren. Mögliche Leitfragen können sein:

  • Was möchte ich diese Woche erreichen?
  • Was möchte ich machen, um mein Ziel zu erreichen?
  • Wann habe ich mein Ziel erreicht?
  • Wo könnten Schwierigkeiten auftreten? Wie kann ich diese lösen?
  • Welche Ressourcen brauche ich für mein weiteres Lernen?

Feedback ist auch hier immens wichtig - genauso wie die Ermittlung von Lernständen. Dabei ist zwischen "Summative Assessment" (Standard: Klassenarbeit) und "Formative Assessment" zu unterscheiden. Bei der formativen Evaluation werden Lernfortschritte ermittelt, die Lehrende in ihre weitere Unterrichtsplanung einbeziehen. Diese formative Beurteilung/Rückmeldung ist prozessbegleitend und zielt auf die Verbesserung des Lernens ab.

 

In unserer neuen Rolle, die wir Lehrer*innen im Lernprozess der Schüler*innen einnehmen, finden sich viele Perspektiven und Auffassungen der Montessori-Pädagogik wieder. Weil wir diese Grundhaltung vielleicht als etwas zu selbstverständlich eingeschätzt haben, ergeben sich im Alltag immer wieder unklare Situationen. Diese beziehen sich auch - aber nicht nicht nur - auf  Zuständigkeiten:

  • Welche Rolle habe ich als Fachlehrer*in?
  • Für welche Schüler*innen bin ich zuständig? Es sind selten alle gemeinsam in einem Raum.
  • Gibt es einen gemeinsam Handlungsrahmen?
  • Mit welchen Akteuren arbeite ich Team zusammen?
  • Welche Rolle nehme ich in der THEO-Planung und in der THEO-Arbeitszeit ein?

Die gemeinsame Arbeit von Kolleginnen und Kollegen in der THEO-Erstellung, aber auch im täglichen Unterricht ist die Grundlage für ein gelingendes fächer- und jahrgangsübergreifendes Konzept. Um mit einer Schule im Wandel und einem zukunftsfähigem Unterricht Erfolg zu haben, können und dürfen sich Lehrpersonen nicht (länger) als Einzelkämpfer und Alleinunterhalter verstehen. Es braucht ein gemeinsames Profil, eine Grundlage unseres Handelns als Lernbegleiter und Lernbegleiterinnen. 

 

Wir machen uns auf den Weg

Wir als Didaktik-Team haben daher frühzeitig erkannt, diese Baustelle anzugehen. Zum Einen, um dem Kollegium Sicherheit zu geben und zum Anderen, um Konsens darüber herzustellen, wie wir Lernbegleitung an der OBS Berenbostel definieren wollen. An einem Präsenztag zum Ende der Sommerferien haben wir uns daher unter der externen Moderation eines Teams von bewirken  auf den Weg gemacht, ein Profil zu erstellen. Ausgehend von konkreten Handlungssituationen  aus dem THEO haben einzelne Gruppen versucht, Lösungen zu formulieren. In Rollenspielen gab es u.a. die Möglichkeiten  des Ausprobierens von Handlungen zur Öffnung eines Möglichkeitenraumes von bedarfsorientierter Begleitung.

 

Mithilfe von Checklisten und Reflexionsfragen konnten wir zunächst ermitteln, wie viel Lernbegleitung schon in uns steckt. Unsere Haltungen konnten wir dann später an den gesammelten Fallbeispielen hinterfragen. Das Kollegium hat so erste Leitideen für ein mögliches Profil einer Lernbegleitung gesammelt. Bei einer Dienstbesprechung im Herbst haben wir dann den Arbeitsauftrag für eine Gruppenarbeit wie folgt konkretisiert:

 

Formuliert Leitsätze, die als Handlungsrahmen für das pädagogische und didaktische Handeln gelten. „Ein/e Lernbegleiter/in . . .“

 

Die Veränderung der Begrifflichkeit von Lehrer*in zu Lernbegleiter*in soll dabei ein zentraler Baustein von Haltungsarbeit sein, denn Lernbegleitung soll den Kontext von kompetenzorientiertem und individualisiertem Unterricht klar fokussieren. Es ist die Aufgabe der Lehrkräfte, das Lernen konsequent von den Schüler*innen her zu denken. In einem stark  individualisierten Unterricht wie unserem THEO nehmen die Erwachsenen jede einzelne Schülerin bzw. jeden einzelnen Schüler intensiv mit ihren bzw. seinen Stärken und Entwicklungsbedarfen in den Blick. Eine klar formulierte Rolle als Lernbegleitung verändert auch die anderen Rollenmuster von Lehrkräften. In dem sog. Arbeitspapier Lernbegleitung des Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung in Hamburg wird dies in folgender Grafik dargestellt (Seite3):

In einer 'Schule im Wandel' vollzieht sich - sozusagen - eine Perspektiv-Verschiebung. Lehrer*innen erleben in ihrer  Rolle als Lernbegleiter*innen die Tätigkeitsfelder des Beraten, Begleiten und Rückmelden als zentrales Profil. Diese Aspekte  ihrer Tätigkeit bekommen also neben dem Unterrichten, Erziehen und Bewerten eine zentrale Bedeutung. Wir Lehrkräfte sind demnach "in zunehmendem Maße für die Gestaltung von Lernumgebungen verantwortlich, in denen Schüle- rinnen und Schüler eigenverantwortlich und selbstorganisiert lernen können." (Arbeitspapier Lernbegleitung Seite 1)

 

Wir werden so vom Lernbereiter zum Wegbereiter von individuellen Lernbiografien für Kinder und Jugendliche. Ganz nach dem Motto von George Orwell: "Der beste Lehrer ist jener, der sich nach und nach überflüssig macht."

Um vor diesem Hintergrund schlussendlich zu einem Profil bzw. einem Handlungsrahmen für die Lernbegleitung der OBS Berenbostel zu gelangen, haben wir die Leitsätze des Kollegiums gesammelt und in einem redaktionellen  Überarbeitungsprozess fünf Bereiche herausgearbeitet. 

  1. Selbstständige Lernorganisation der SuS
  2. Aktive Rolle während des Lernprozesses
  3. Lern- und Arbeitsatmosphäre
  4. Persönliche Situation von Schüler*innen
  5. Regelmäßiger LernEntwicklungs-Austausch (LEA) 

Dieser Handlungsrahmen bildet die Grundlage unseres pädagogischen Handelns und ist Abbild einer gemeinsame Haltung. Das Profil wird jährlich reflektiert und aktualisiert.

 

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