"Herr Vedder, warum brauchen wir das in unserem Leben?"
"Weil das in der Abschlussprüfung dran kommt!"
Ertappt? So oder so ähnlich verlaufen doch manchmal Gespräche mit Schülerinnen und Schülern. Jede Lehrkraft kennt diese Situation. Die Abschlussprüfung ist oft der letzte Pfeil im Köcher, wenn es um (Un-)Sinnhaftigkeit von Lerninhalten geht. Gerade die Digitalität und vor allem KI sind Brandbeschleuniger, um Inhalte und Wissen in Frage zu stellen. JETZT wäre die Chance, Kompetenzen und Haltungen in den Fokus zu rücken. Und dennoch verhaftet (oder erstarrt) alles weiter in den verkrusteten Strukturen. Ich stehe wieder im Klassenraum und versuche die Addition von ungleichnamigen Brüchen zu erklären, während draußen die Welt untergeht. Dann frage ich mich auch gelegentlich: WARUM?
Comic von Ralph Ruthe
Ja, warum eigentlich? "That's why!" ist die flapsige Antwort von Bobby Finn auf Instagram, der vor allem für seine humorvollen Videos bekannt ist. Doch "Darum!" wird nicht mehr lange reichen. Junge Menschen sollen Inhalte und letztlich den Sinn von Schule zurecht in Frage, wenn Schule so gar nichts mit ihrer Realität zu tun haben will. Hier liegt der Chance der Schule im Wandel. Weglassen, was keinen Sinn macht. De-Implementierung heißt Qualität statt Quantität. Oder anders gesagt: der Stoff kann weg. Lasst uns mutig streichen, was in Zeiten von KI an Sinn verliert.
Die Schule im Wandel lebt von den Menschen vor Ort. Sie sind die entscheidende Triebfeder der Transformation. Denn selbst wenn es zu strukturellen Veränderungen von außen kommen würde, bewirken sie allein wenig (Zierer 2014). Wir brauchen einen Kick-Off. Wir bauchen einen Anfang, wir brauchen eine gemeinsame Vision von einer zukunftsfähigen Schule. Diese muss aus dem "Warum?" abgeleitet werden und nicht aus blindem Aktionismus heraus geschehen. Im Rahmen meiner Fortbildungstätigkeit arbeite ich mit Schulen regelmäßig in Zukunftswerkstätten an einer Vision von einer "Schule mit Zukunft". Besonderes Merkmal dieser Tage ist die hohe Aktivierung der Teilnehmenden auf der Basis der Methoden von Liberating Structures. Liberating Structures sind Mikrostrukturen, die das Vertrauen im Umgang miteinander stärken, echte Partizipation fördern, die "Schätze" eines Kollegiums heben und so bestenfalls eine hohe Identifikation mit dem Transformationsprozess der eigenen Schule zu schaffen. Der Tag ist in die drei Abschnitte Phantasie-, Findungs- und Realisierungsphase gegliedert. In der dritten Phase geht es um die Konkretisierung für die eigene Schule. Den Teilnehmenden wird auf der Grundlage des Golden Circle von Simon Sinek die Bedeutung des WARUM im Schulentwicklungsprozess verdeutlicht. Das Warum ist das Entscheidende. Nur durch ein klares Warum? - Darum! kippt der Entwicklungsschwerpunkt nicht beim ersten Gegenwind um.
“People don't buy what you do, they buy why you do it”
Der Golden Circle von Simon Sinek ist ein Leadership- und Kommunikationsmodell, das Unternehmen und Organisationen dabei unterstützt, ihre Vision, Strategie und Angebote klarer zu kommunizieren und Menschen zu inspirieren. Es basiert auf drei zentralen Fragen: Warum?, Wie? und Was?, die in einem konzentrischen Kreis dargestellt werden. Der kurzweilige Vortrag ist bereits 14 Jahre alt.
Sinek betont, dass erfolgreiche Unternehmen von innen nach außen kommunizieren. Sie starten mit dem „Warum“, gehen über das „Wie“ und enden dann erst beim „Was“. Dies unterscheidet sie von weniger erfolgreichen Unternehmen, die oft umgekehrt vorgehen und sich primär auf das „Was“ konzentrieren. Im Zentrum seines Modells steht also das „Warum“. Gleiches gilt eben nicht nur für Unternehmen, sondern auch für schulische Entwicklungsprozesse. Erst wenn das ‚Why’ im Kollegium geklärt ist, geht es an die Umsetzung. Das muss allen Beteiligten in der Schule klar sein, bevor wir anschließend über das "Wie" und das "Was" sprechen.
Wenn es in der Realisierungsphase der Zukunftswerkstatt um die Konkretisierung von gezielten Schulentwicklungsvorhaben geht, bestehe ich also zunächst stoisch auf dem "Warum?". Anhand von Impulsfragen leiten sich die Gruppen dann bestenfalls selbstständig durch den Golden Circle. In die Lücken der folgenden Abbildung können dann Lernformate wie der Frei Day, THEO, Verantwortung oder Methoden wie der Flipped Classroom oder Barcamp eingesetzt werden.
So entstehen im besten Fall am Ende eines solchen Tages eine oder zwei Perspektive(n) für die konkrete Weiterentwicklung von Schule und Unterricht. Eine Innovations-Gruppe kann im Anschluss gezielt weiter planen und z.B. Hospitationen an anderen Schulen organisieren. So beginnt ein Graswurzel-Prozess aus dem Inneren der Schulen. Basierend auf dem 'Why'!
Es ist ein Anfang. Für den ganz großen Wurf wird das aber sicher nicht reichen. Selbstverständlich braucht es - wie schon oft aufgezeigt - auch die entsprechenden Stellen in der Politik, Verwaltung und den Schulbehörden, die neue und innovative Lern- und Prüfungsformate mittragen und unterstützen müssen. Und klar wäre es wünschenswert, wenn richtig Geld fließen würde, um Lernlandschaften umzugestalten, Schulen neu zu bauen oder Arbeitszeitmodelle jenseits der Unterrichtsverpflichtung von Lehrkräften zu denken.
Bis dahin können und müssen wir selbst anfangen und alte Muster schon in der kleinsten Struktur des täglichen Handelns aufbrechen. „Wir müssen aufhören, die Probleme in unserem Bildungssystem mit alten Rezepten lösen zu wollen, oft ministeriell von oben verordnet. Diese aktiven Lösungsversuche gehen nicht an die Wurzel“ (Rasfeld 2022). Für eine umfassende Transformation von Schule brauchen wir letztlich jede und jeden. Lehrkräfte sind nicht nur vom Wandel betroffen, sondern sie sind die eigentlichen Trägerinnen und Träger. In meinem täglichen Handeln als Lernbegleitung entscheidet sich, ob schulische Veränderung wirklich Gestalt annimmt. Lehrkräfte sind Veränderungsagentinnen und -agenten – und damit zentrale Kräfte, die den Schulwandel aktiv gestalten. Die Wurzeln sind und bleiben unsere Haltungen und Verhaltensmuster. Haltung, Haltung, Haltung! Also packen wir es an!
Bist du dabei?