Praxis: Alternative Gelingensnachweise von A bis Z (Teil 1)

Alternative: „Im weiteren Sinne bezeichnet der Begriff mittlerweile auch eine von mehreren vorhandenen Möglichkeiten oder eine andere als die bisher ins Auge gefasste.“ (Wikipedia)

 

Gelingensnachweise: „In Form, Termin, individuell variabler (Präsentation, Test, Produktion, Vortrag...) Nachweis der erworbenen Kompetenzen." (Glossar der Oberschule Berenbostel)

 

A

wie alternativ

An meiner Schule ist alles etwas anders. Keine Schulbücher, keine Kreidetafeln, keine Fächer mehr im Stundenplan. Schon in unseren ersten Überlegungen zum neuen Schulkonzept haben wir nicht nur Strukturen und Inhalte hinterfragt, sondern auch die besondere Rolle des Wordings mitgedacht. Denn für ein neues Mindset, für ein neues Verständnis von Lernen und Schule braucht es eigene Begriffe: Ein eigenes Glossar war geboren. Wir Lehrer*innen verstehen uns mehr als Coach und Lernbegleiter*innen, denn als Lehrperson. Vom Sage on the Stage zum Guide on the Side heißt das gelebte Konzept.

 

Innerhalb dieser neuen Ausrichtung braucht es logischerweise auch Alternativen zu alten Prüfungsformaten bzw. standardisierten Leistungsnachweisen. Begriffe wie Klassen, Klassenarbeiten und Tests passen wenig zu einer Schule im Wandel (Link). In Jahrgang 6 heißen die Klassen Lerngruppen und wir sind ihre Mentoren. An der gesamten Schule gibt es statt Klassenarbeiten sog. Gelingensnachweise. 

 

In den Gelingensnachweisen (auch Kompetenznachweisen) bekommen unsere Schüler*innen die Möglichkeit, ihr Gelingen (ihren Kompetenzzuwachs) nachzuweisen. Für klassische schriftliche Tests werden möglichst individuelle Termine gefunden. Je nachdem in welchem Lernbereich innerhalb des Theos die Lernenden gerade arbeiten.

 

Neben diesen bekannten Formen von Leistungsnachweisen, sollen innerhalb unserer projektbasierten vernetzten Arbeitsweise aber vor allem alternative Gelingensnachweise erbracht werden. Handlungs- und produktionsorientierte Formate sind gefragt, die kreative und individualisierte Zugänge erlauben. Neben den Gelingensnachweisen, die in der Regel bestimmten Fächern zugeordnet sind, gibt es innerhalb unserer Theos auch immer sog. Kernaufgaben. Dies sind übergeordnete fächerübergreifende Aufgaben, deren Bearbeitung einen Zeitraum von fünf bis acht Wochen umspannt. 

 

Das Dokumentieren des eigenen Lernfortschritts geschieht auf verschiedene Art und Weise. Der Zeitpunkt dafür soll weitgehend individualisiert sein: „Fühlt sich ein Kind bereit dazu, eine Kompetenz nachzuweisen, legt es einen Gelingensnachweis ab.“ (Tanja Schöler/Verena Schabinger: Individuelles und gemeinsames Lernen in: Johannes Zylka (Hrsg.): Schule auf dem Weg  zur personalisierten Lernumgebung,  Beltz-Verlag, 2017, S. 85.)

 

Längst ist die Diskussion um alternative Prüfungsformate bzw. alternative Leistungsnachweise eng an den Prozess einer Schule im Wandel gekoppelt, da tradierte Formate kaum bis gar nicht die Anforderungen von Digitalität, Inklusion und die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts abbilden. 

 

Prüfungsformate - wie das Abitur oder mittlere Bildungsabschlüsse - werden sicherlich noch länger standardisierte Formate aus vergangenen Zeiten bleiben. Dennoch lohnt sich der Weg schon im Kleinen zu beginnen. Zu projekt- und themenorientierten Lernsettings lassen sich ganz andere Formen erdenken, die letztlich gar nicht so neu sind, sondern - wie so oft - in reformpädagogischen Konzepten schon lange bekannt sind. Im Folgenden möchte ich konkrete Beispiele für alternative Gelingensnachweise und deren Settings vorstellen. 

 

HINWEIS: Diese Beispiele sind keineswegs alle von mir erdacht, sondern Ergebnis kollegialer Unterrichts- bzw. Projektplanung im Rahmen der Erstellung von THEOS an der OBS Berenbostel. Sie beziehen sich größtenteils auf die Jahrgänge 5 und 6.

 

B

wie Brettspiel oder Blog erstellen

Schüler*innen in Klasse 5 und 6 beschäftigen sich beim Thema Mittelalter mit dem Leben auf einer Burg. In der Kernaufgabe erstellen sie ein eigenes Brettspiel mit Fragekarten, Aktionskarten, Spielbrett und Burg. Dazu tragen unterschiedliche Fächer und Inhalte bei (Mathe, Geschichte, Erdkunde, Deutsch, Englisch, Kunst …).

 

Im Theo „Die Welt, wie sie mir gefällt“ in Jahrgang 7/8 geht es um verschiedene Lebensweisen, berühmte Erfindungen und wie sie unser Leben noch heute beeinflussen. In der Kernaufgabe erstellen die Lernenden in Gruppen eigene Blogs mit der Anwendung Padlet und posten dort heutige Bezüge zu den Erfindungen und Lebensformen. 

 

C

wie Challenges

In den sozialen Netzwerken gibt es immer wieder neue Challenges. Warum dieses Phänomen nicht für den Unterricht nutzen? In der Socken-Challenge werden Schüler*innen zu kreativen Schreibern und Geschichtenerzählern. 

 

Insbesondere im Distanzlernen waren alternative Lern- und Leistungsnachweise gefragt. Dazu habe ich für das Fach Mathe in einem Video 5 verschiedene Challenges vorgestellt, aus denen die Schüler*innen auswählen konnten. 

D

wie Dialog

Dialoge sind im Fremdsprachenunterricht gängige Methoden zur Sprechförderung. In unseren Lernsettings im THEO gibt es wenige zentrale Phasen mit der gesamten Lerngruppe. Zum Glück bieten sich durch unsere 1:1 Ausstattung mit Tablets gute Bedingungen, um auch dezentral das Sprechen zu üben. Mit der App Sprachmemos oder anderen Audioapps wie QwiQR (Selbstlernkurs zu Audiofeedback) können Dialoge aufgenommen werden. Mit entsprechenden Bewertungsbögen  (siehe Bild) sind die Leistungserwartungen von Anfang an transparent.

 

E

wie Exposé

Im mehrwöchigen Projekt „Ein Freizeitpark für Garbsen“ erarbeiten sich die Lernenden aus Klasse 6 verschiedene mathematische Themen projektartig selbst. Kontextuell wird das Projekt in einer Art Planspiel umgesetzt. Die Lernenden sollen schließlich der Kommunalpolitik ihr Konzept vorstellen. Dazu sammeln sie in Gruppen mit Pages oder Book Creator wichtige Information zum Freizeitpark. Anschließend stellen sie ihr Exposé in Form eines Videos vor (siehe G wie Greenscreen).

F

wie Farbenforscherheft oder Forscherboxen

Innerhalb des Projektes „Meine Wohnung“ gestalten die Lernenden ihre eigenen Wohnungen mit der App Roomle. Der Fachbereich Kunst trägt für Klasse 6 Farbenlehre bei.  Die Schüler*innen lernen dabei die Grundlagen dieser kennen und erarbeiten darüber hinaus wichtige Dinge über Farben in  einem Farbenforscherheft. Sie erfahren so die unterschiedliche Wirkung von Farben. Im Farbenforscherheft gibt es einen Beurteilungsbogen mit Bewertungskriterien. 

Um die naturwissenschaftlichen Fächer in unseren Theos abzubilden und ohne dafür immer auf Fachräume angewiesen zu sein, gibt es für viele Theos sog. Forscherboxen. Diese beinhalten Materialien zu Chemie, Biologie oder Physik. Es liegt immer ein Forscherheft bereit und die Lernenden halten Vermutungen, Skizzen, Erklärungen u.ä. auf Versuchsprotokollen fest (siehe V wie Versuchsprotokolle).

G

wie Greenscreen

In individualisierten asynchronen Unterrichtssettings bietet die Greenscreen-Technologie tolle Möglichkeiten, Präsentationen in Videoformaten umzusetzen. Anders als bei klassischen Vorträgen und Referaten, können hier mehrere Aufnahmen, Schnitte und Effekte genutzt werden. Rückmeldungen sind durch Bewertungsbögen oder auch mündliche Feedbacks umsetzbar. Grundsätzlich sind Greenscreen-Sets in Schulen vielfältig einsetzbar. Ein solches Set ist nicht teuer und dank Bordmitteln wie iMovie auf dem iPad sind solche Projekte leicht realisierbar (siehe auch N wie Nachrichtensendung).

 

H

wie Hacky Sack

Ein Hacky Sack ist ein kleines, mit Granulat oder Sand gefülltes Stoffsäckchen. Im Rahmen des Projektes „Leben im Mittelalter“ in Klasse 5/6 beschäftigen sich die Lernenden mit verschiedenen Berufen im Mittelalter. Dabei steht im Bereich Textil das Handwerk des Webens im Fokus. Mithilfe von Webrahmen lernen die Schüler*innen das Handwerk kennen und fertigen ihre eigenen Hacky Sacks. 

I

wie Instagram

Instagram ist bei unser Schülerschaft weit verbreitet. In zwei Theos in Jahrgang 9 spielt das soziale Netzwerk eine Rolle für einen Gelingensnachweis bzw. eine fächerübergreifende Kernaufgabe. Im Fach Kunst schlüpfen die Jugendlichen in die Rolle des Instagram-Künstlers @moography.  Sie erfahren, dass Smartphones auch für künstlerische Experimente genutzt werden können. Mehr zum Künstler kannst du hier nachlesen (siehe Screenshot).

 

Wie wäre es, wenn Anne Frank Instagram gehabt hätte? Im Theo „Gegen das Vergessen“ in Klasse 9 lassen sich die Lernenden auf dieses Experiment ein und gestalten nach und nach einen Instagramkanal mit der Anwendung Zeoob. Mit dieser Simulation kann man Instagram-, Snapchat-, Twitter- und Facebook-Chats & Posts generieren. So erfahren die Schüler*innen mehr über Social-Media-Posting-Inhalte und deren Wirkung.  

J

wie Jahrgangsparty

Im Theo „Let’s have a party“ planen die Kids aus Klasse 5 und 6 eine Jahrgangsparty mit allem, was dazu gehört. Mit ihrem Konzept zur Party bewerben sie sich bei der Schulleitung um die Durchführung und Unterstützung (siehe auch P wie Partybeleuchtung). Der Brief ist Teil der Kernaufgabe. 

 

Abschließend wird die Party natürlich auch gefeiert.  Die Fotos zeigen Impressionen unserer Feier (Fotos by @materialmeer).

K

wie Klosterbrot

Passend zum ‚Leben im Mittelalter‘ (siehe B) setzen die Lernenden im Fachbereich Hauswirtschaft in der Klosterküche mittelalterliche Rezepte praktisch um. Dabei entsteht u.a. dieses leckere Klosterbrot. Für euch getestet :-)

 

L

wie Lapbook

Der erste Theo in Klasse 5 lautet immer „Meine Familie“. Damit steigen die neuen Schüler*innen an der OBS Berenbostel in unsere Arbeitsweise ein. Im Rahmen dieses Theos basteln die Lernenden Lapbooks über sich, über Freundschaft und ihre Familie. 

 

M

wie 'Meine Wohnung'

Im Projekt "Meine Wohnung" in Klasse 6 setzen sich die Schüler*innen über mehrere Wochen mit verschiedenen Lernbereichen auseinander. Als Kernaufgabe gestalten sie mit der App Roomle ihre eigene 4-Zimmerwohnung. Wärend des Projektes erstellen die Lernenden zusätzlich nach und nach Folien zu einer Präsentation über ihre Wohnung. Auf einem Padlet (siehe Bild 2) können die Schüler*innen den Bewertungsbogen einsehen und finden Tutorials zu Keynote.  (Mehr zum Projekt)

 

Hier geht es zu Teil 2.

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