Praxis: Digitale Medien im Sportunterricht

Smartphones oder Tablets im Sportunterricht? Passt das überhaupt zusammen? Ich sage ja! 

Digitale Endgeräte lassen sich im Sportunterricht auf vielfältige  Weise einsetzen.  Die große Stärke der digitalen Medien in diesem Fach sind die Möglichkeiten der Visualisierung durch Bilder, animierte Bildreihen und/oder Videos.  

In diesem Beitrag möchte ich Erfahrungen aus der Praxis teilen und Impulse geben, wie digitale Medien ohne Einschränkung der bereits knapp bemessenen Bewegungszeit gewinnbringend im Sportunterricht eingesetzt werden können. Dabei geht es überwiegend um den zielführenden Einsatz aus der Perspektive der Lernenden. Es stehen keine innovativen AR- oder VR-Anwendungen im Fokus, sondern niedrigschwellige und effiziente Zugänge, welche die Motivation, Partizipation und das Bewegungslernen der Schüler*innen unterstützen und fördern.  

 

Ausstattung

Besonders hilfreich für den Einsatz von digitalen Medien ist es natürlich immer dann, wenn die Lernenden selbst Endgeräte haben (bei uns 1:1 Ausstattung mit Tablets). Ob dies nun elternfinanzierte Tablets, eine BYOD-Ausstattung oder Leihgeräte der Schule sind ist dabei nicht so zentral. In vielen Phasen des Unterrichts ist es auch nicht zwingend notwendig, dass jede/r Schüler/in ein eigenes Gerät hat. Oft wird im Fach Sport ohnehin in Gruppen gearbeitet. Wenn es also an deiner Schule die Möglichkeit gibt, als Fachschaft 6-10 Geräte anzuschaffen, ist dies schon ein echter Gewinn. Zusätzlich ist eine (möglichst mobile) Präsentationsfläche von Vorteil, um gemeinsam mit der Klasse zu arbeiten und Bewegungen und/oder Abläufe zu visualisieren. 

 

Unsere Halle verfügt leider nicht über WLAN, sodass die Nutzung von Videos aus dem Netz eher eingeschränkt über mobile Daten stattfinden muss. In einem technischen Wünsch-dir-was-Szenario wären WLAN-Anbindung und eine Deckenkamera sicherlich das I-Tüpfelchen. Mit einer solchen Kamera könnten taktische Abläufe in verschiedenen Erfahrung- und Lernfeldern noch besser herausgearbeitet und reflektiert werden. 

 

Im Folgenden möchte ich weniger die technische Ausstattung in den Mittelpunkt stellen, sondern ein paar Anregungen geben, wie man Bilder, interaktive Stationskarten, Youtube-Videos, Tools zur Bewegungsanalyse, Fitness-Apps, formatives Feedback und nützliche Helferlein in den Sportunterricht didaktisch und methodisch einbinden kann. Let's go!

 

Bilder

Wer kennt sie nicht: die leicht vergilbten Phasenbilder als Poster und Bewegungsreihen aus dem Sportarchiv. Ein Weitsprung aufgegliedert in 16 Einzelbewegungen. Meist schlecht leserlich und in schwarz-weiß. Total motivierend und zielführend. Nicht. (Im Sportverein vielleicht). Durch den Einsatz von Tablets oder Smartphones ergeben sich hier Möglichkeiten, Gruppen oder einzelnen Lernenden Bewegungsbilder in Farbe zur Verfügung zustellen. Ich nutze dafür gerne das Material von Wimasu. Auf der Seite finden sich tolle Unterrichtspakete und gut aufbereitete Materialien für einen modernen Sportunterricht. Neben kompletten Unterrichtsreihen ist vor allem das Bild- und Videomaterial gewinnbringend für die Lernenden. 

Beispielscreenshots aus dem Materialpaket Parkour (wimasu.de)

Natürlich bietet es sich auch an, eigene Fotos und Bilder bzw. Videos der Lernenden z.B. im Rahmen von Stationenlernen einzubinden. Dazu nutze ich gerne den Book Creator oder Notability

 

Interaktive Stationskarten (E-Books)

In meinem Unterricht haben Lerngruppen z.B. zu den Themen Fußball, Parkour oder Fitness eigene Stationskarten gestaltet und mit Book Creator Bewegungsanweisungen in Text- oder Audioform, Videos und/oder Fotos interaktiv aufgewertet. So ergeben sich vielfältige Möglichkeiten für ein induktives Vorgehen und mehr Mitbestimmung von Lernenden, indem Bewegungsbeschreibungen allein oder in der Gruppe  nach-, um- und neugestaltet werden. 

Eine Gruppe von Schüler*innen (siehe Bild unten rechts) ist dabei in der Regel verantwortlich für eine oder zwei Stationen. Sie sind die Experten für eine spezielle Bewegungsausführung (Torschuss, Lazy, Korbleger, Kopfsprung o.ä.). Im Verlauf der Einheit werden dann die einzelnen Seiten von mir zu einem gemeinsamen E-Book zusammengefügt und der Lerngruppe bereitgestellt. 

 

Youtube-Videos und Flipped Classroom

Der bereits angesprochenen geringen Bewegungszeit (eine Doppelstunde Sport in Niedersachsen) geschuldet, versuche ich  Sitz-/Stehphasen für Reflexionsgespräche eher sparsam einzusetzen. Um dennoch die vielfältigen Bewegungsvideos bei YouTube mit in den Unterricht einzubinden, nutze ich Elemente des Flipped Classroom (hier ein kurzes Video von mir), um den Lernenden bereits vor dem Unterricht bestimmte Inhalte zugänglich zu machen. Dafür wähle ich zu einzelnen Unterrichtseinheiten Videos aus, die ich auf meiner Webseite (natürlich auch mit IServ oder anderen Lernplattformen umsetzbar) zur Verfügung stelle. Insbesondere dann, wenn es um eine bewegungstechnische Fertigkeiten geht, lässt sich diese Methode gut anwenden. Schüler*innen kennen zu manchen Themen (z.B. aus dem Sportverein) ebenfalls gute Quellen im Netz. 

 

Hier ein paar Screenshots der von mir zur Verfügung gestellten Netz-Ressourcen:

Bewegungsanalyse

Das wohl mächtigste Instrument zur Veranschaulichung von Bewegungsabläufen ist die Videoanalyse. Hier bietet sich im Gegensatz zum Unterricht ohne digitale Endgeräte die einmalige Chance, sich und die eigene Bewegung selbst wahrzunehmen.  Wo früher teure und aufwendig bereitgestellte Hard- und Software nötig war, genügt heute ein Smartphone oder ein Tablet. Durch den Einsatz von Videos zur Bewegungsanalyse können durch die Wiederholungs-, Annotation- und Zeitlupen-Funktionen Bewegungsabläufe viel besser erfasst und Teilbewegungen für das eigenständige Lernen greifbar - ja förmlich erfahrbar - gemacht werden. Neben der einfachen Kamerafunktion kann ich aus meiner Erfahrung drei Anwendungen empfehlen, die man in unterschiedlichen Szenarien in den Unterricht einbetten kann: Hudl Technique, Coach's Eye und Video Delay Instant Replay. Den Funktionsumfang dieser Apps möchte ich hier nicht darstellen. Für alle drei Anwendungen gibt es entsprechende Tutorials, zudem sind sie relativ intuitiv zu bedienen. Learning by Doing lautet die Devise.

 

Die beiden erst genannten Anwendungen bieten ähnliche Funktionen. In meiner favorisierten Anwendungen Hudl Technique lassen sich u.a. verschiedene Abspieltempi einstellen, Zeichnungen einfügen, Winkel bestimmen, Verknüpfungen herstellen und Videos über- oder nebeneinander setzen (sehr nützliche Funktion!).

In fast allen Erfahrungs- und Lernfeldern lassen sich so Analyse und Reflexion von Bewegungen didaktisch sinnvoll in den Unterricht einbauen. Für die Lernenden ergeben sich m.E. vielfältige Lernchancen. Nicht nur in der Beobachtung der eigenen Bewegungen, sondern auch in der Schulung des Bewegungssehens: Beobachtung und Abgleich mit Bewegungsausführungen der Mitschüler*innen.

 

Video Delay unterscheidet sich insofern von Hudl und Coach's Eye, als dass keine physische Speicherung des Videos auf einem Gerät nötig ist (Stichwort: personenbezogene Datenspeicherung). Dazu wird einfach eine Verzögerung (Delay) eingestellt und die Lernenden können so z.B. in einem Stationsbetrieb ihre eigenen Bewegungsausführungen zeitversetzt betrachten. Dies habe ich schon bei Stationen zum Korbleger, Torschuss, Schlagwurf, Parkour-Bewegungen oder im Turnbereich (Rolle etc.) eingesetzt. Die Schüler*innen können so selbstständig und mit hoher Bewegungszeit arbeiten und üben. 

 

Immer dann, wenn Choreografien in Gruppen erarbeitet werden sollen, nutzen die Lernenden die einfache Kamerafunktion ihres Tablets zur Verbesserung und Optimierung ihrer Präsentation. Sei es beim Tanzen, in der Akrobatik oder wie aktuell beim Chinese Jump Rope (Material von wimasu.de). Ja, das gute alte Gummitwist. 

 

Formatives Feedback

Die Funktion und Wirksamkeit von Feedback für den Unterricht ist spätestens seit Hattie bekannt. Im Sportunterricht lassen sich durch formative Evaluation erworbene Kenntnisse direkt für die weitere Unterrichtsplanung nutzen und ermöglichen einen noch individualisierteren Zuschnitt des Unterrichts auf Einzelne. Selbst wenn wenige oder keine Endgräte zur Verfügung stehen, lassen sich Selbsteinschätzungen von Schüler*innen mithilfe von QR-Codes relativ unkompliziert und ohne großen Aufwand mit der Anwendung Plickers einholen. 

 

Ich nutze dies sowohl für Rückmeldungen zu prozessbezogenen Kompetenzen (Beispiel: "Ich habe heute jemanden beim Lernen unterstützt", "Ich habe beim Aufbau geholfen" oder "Ich habe mich am Unterrichtsgespräch beteiligt"), als auch zu inhaltsbezogenen Aspekten ("Die Bewegungsausführung des Tic Tac gelingt mir gut" oder "Bei welcher Schlagausführung (Badminton) benötigst du noch Unterstützung?").

Nützliche Helferlein: Dies & Das

Neben den genannten Möglichkeiten digitale Medien als Ergänzung und Erweiterung des Sportunterrichts einzusetzen, gibt es weitere Tools zur Unterstützung von Organisation und Abläufen. Diese kleinen Helferlein können den Arbeitsalltag einer Sportlehrkraft erleichtern. 

  • Aufwärmen: Zahlreiche Fitness-Apps können in den Unterricht integriert werden. Mit der Anwendung Sworkit gestalte ich z.B. bei manchen Unterrichtsthemen das Aufwärmprogramm dezentral in Gruppen. 
  • Gruppeneinteilung: Mit Teamshake kann man Gruppeneinteilungen vereinfachen und z.B. leistungshomogene Gruppen zusammenstellen. 
  • Turniere: Mit Turnierplan lassen sich verschiedenste Turnierformen erstellen und verwalten. Ob Gruppenphasen, K.O.-Spiele oder beides. 
  • Ablaufplan: In Verbindung mit meinem iPad und dem AppleTV in unserer Sporthalle nutze ich Notability um Abläufe und Erkenntnisse zu visualisieren. Zudem lassen sich Arbeitsaufträge und/oder Bilder so unkompliziert per Airdrop mit den Lernenden teilen, damit sie weitergenutzt/bearbeitet werden können. 
  • ...

(Diese Liste ist längst nicht vollständig.)

Fortbildung

Im Rahmen von Mikrofortbildungen und/oder Fachkonferenzen kann sich das Sportkollegium selbstständig und gegenseitig fortbilden. Dazu habe ich ein Dokument erstellt, welches zum Fortbildungszweck gerne genutzt werden darf (siehe unten). 

 

In diesem Sinne: Immer schön beweglich bleiben ;-)

Download
Handout zum Workshop-12.pdf
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PS:

Anfang des Jahres war Linda Tonn von der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung bei mir im Sportunterricht. Ihren Bericht kann man hier nachlesen.

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Tobias Schmidt (Donnerstag, 12 Dezember 2019 15:37)

    Eine super Sache ! Solche Möglichkeiten und Ideen habe ich immer gesucht ! Haben leider keinen TV in unserer Sporthalle, dafür einige IPads in der Schule. Vielen Dank für die ganzen schönen Anregungen !!!

  • #2

    Nils Güldenpfennig (Donnerstag, 12 Dezember 2019 18:47)

    Vielen Dank Jan ���
    Das gibt (hoffentlich) vielen Impulse Möglichkeiten der Digitalisierung im Sportunterricht zu nutzen.
    Für alle Neulinge: einfach mal machen! Weitere App: wer beginnt oder Kleinteambildung: Chwazi
    Für Zirkel/geschlossenes Stationenlernen: TimerPlus