Digitalien sucht das Supermodell

Um die Prozesse und Kompetenzen in Bezug zur Bildung und den Bedingungen der Digitalität ("digitale Bildung") zu veranschaulichen, gibt es zahlreiche Modelle, die in unterschiedlichen Zusammenhängen und mit unterschiedlichen Zielsetzungen entwickelt worden sind. Immer wieder kommt es sowohl unter den Einsteigern als auch den Profis zur Diskussion, welches Modell in welchem Kontext sinnvoll und hilfreich ist. Welches Modell ist denn nun das Supermodell auf dem Weg nach Digitalien? Wie lässt sich die Transformation von Unterricht, Lehr- und Lernzielen, Schule und (digitaler) Bildung am Besten grafisch darstellen?

 

In diesem Beitrag möchte ich eine Auswahl von Modellen, die ich selbst in verschiedenen Zusammenhängen von Lehreraus-, Lehrerfort- und Lehrerweiterbildung eingesetzt habe  vorstellen und bewerten. 

 

Let's go!

 

Das SAMR-Modell

Das SAMR Modell (2006 von Ruben Puentedura entwickelt) zeigt in vier Stufen, wie digitale Medien im Unterricht den Lehr- und Lernprozess bereichern. Das Modell zeigt, inwieweit Schüler*innen aktiv mit digitalen Medien arbeiten. Unter Verbesserung von Unterricht werden dabei die Stufen S (Substitution) und A (Augmentation) verstanden. Als Transformationen werden die Stufen M (Modifikation) und R (Redefinition) bezeichnet. Eine ausführlichere Beschreibung des SAMR-Modells gibt es hier

 

Um die hierarchisch wirkende Struktur etwas aufzuheben, gibt es mittlerweile viele andere Visualisierungen, die die vier Stufen nebeneinander darstellen. Hier z.B. als Form einer Reise mit unterschiedlichen Verkehrsmitteln: 

 

Zielgruppe:

- vor allem für Einsteiger geeignet

Stärken:

- einfacher Überblick über die Einsatzmöglichkeiten von digitalen Anwendungen

- Stufen ohne Verengung auf bestimmte Tools lassen Raum für eigene Kreativität 

- kurze und prägnante Definitionen

Schwächen:

- Stufen führen zu einer wenig sinnvollen Bewertung von digital gestütztem Unterricht

- Abgrenzung von analogem und digitalem Lehren und Lernen

- überwiegend technokratisches Verständnis von 'digitaler Bildung'

- eignet sich nur eingeschränkt zur Entwicklung eines zeitgemäßem Unterrichts

 


Das 4K-Modell des Lernens

Das 4K-Modell (im englischen sind es die 4 Cs) formuliert Kompetenzen, die für Lernende (und Lehrende) im 21. Jahrhundert von zentraler Bedeutung sind:

Kreativität, Kommunikation, Kollaboration und die Fähigkeit zu kritischem Denken.

"Die 4C gehen auf die 'Partnership for 21st Century Learning (P21)' zurück, eine US-amerikanische Non-Profit-Organisation, in der sich Wirtschaftsvertreter, Bildungsfachleute und am Gesetzgebungsprozess Beteiligte seit 2002 für die Bildung in einem digitalen Kontext einsetzen." (Quelle: Wikipedia)

 

Jörn Muuß-Merholz erläutert in einem Beitrag (Die 4K-Skills: Was meint Kreativität, Kritisches Denken, Kollaboration, Kommunikation?) kurz und prägnant sein Verständnis der 4K und stellt dabei anschauliche Grafiken zur Verfügung. Die 4K sind nicht als Lernmethode zu betrachten, sondern vielmehr sind sie Grundlage des Lernens (vgl. dazu Lisa Rosa in Verlust und Neugewinn: Lernen und Lehren im Medienumbruch).

 

Zielgruppe:

- vor allem für Einsteiger und Fortgeschrittene geeignet, die sich tiefer mit Kompetenzen von Lehrern und Lernern auseinander setzen wollen

Stärken:

- kein direkter Bezug zur Digitalität und so universell zu Unterrichtsentwicklung geeignet

- Reduktion auf zentrale und zeitgemäße Skills (Kompetenzen)

- Oberbegriffe lassen Raum für eine tiefergehende Auseinandersetzung

Schwächen:

- das Modell beruft sich auf Kompetenzen, die von der Wirtschaft (OECD) als zukunftsfähig angesehen werden. Schule dient aber nicht als Lieferant der Wirtschaft.

- die 4K bilden nur einen (wenn auch wesentlichen) Ausschnitt von Bildungsdimensionen ab (siehe Framework weiter unten) 

 


Das TPACK-Modell

Technological Pedagogical Content Knowledge (TPACK) bietet einen Ordnungsrahmen, der unterschiedliche Wissensbereiche von Lehrkräften beschreibt. Mit diesem Wissen ist es Lehrkräften möglich, "eine durch Technologien verbesserte Lernumgebung für Schüler und Studenten zu schaffen." (Quelle: Wikipedia). Die Idee geht auf Lee Shulman zurück und wurde von Punya Mishra und Matthew J. Koehler erweitert. Insgesamt werden 7 Wissensbereiche ausgewiesen:

 

  • Technologiewissen (TK) umfasst das Wissen über digitale Technologien (Computer, Tablets, das Internet, verschiedene Anwendungen etc.) und über deren Einsatz in einer digitalen Lernumgebung.
  • Inhaltswissen (CK) meint Wissen über Konzepte und Theorien sowie deren Weiterentwicklung. 
  • Pädagogische Kenntnisse (PK) sind allgemeine Kenntnisse über Lehrmethoden, Bewertungsmethoden und Lerntheorien.
  • Pädagogische inhaltliche Kenntnisse (PCK) führen Kenntnisse über die Pädagogik mit dem Inhaltswissen zusammen. Wie kann ein Thema für Lernende zugänglich gemacht werden?
  • Technologiespezifisches Inhaltswissen (TCK) ist das Wissen darüber, welche Möglichkeiten Technologien bieten, um neue (und alte) Unterrichtsinhalte aufzubereiten.
  • Technologisch pädagogisches Wissens (TPK) meint Wissen über die Chancen und Risiken, die der Einsatz von Technologie in verschiedenen Lehrmethoden mit sich bringt. Mit welchen Tools kann Online-Kollaboration gestaltet werden und was sollte man dabei beachten?
  • Technologisch-pädagogisches Inhaltswissen (TPACK) bildet die Schnittmenge der Wissensbereiche und bezeichnet das Verständnis für das Zusammenspiel von CK, PK und TK beim Einsatz von Technologie im Unterrichtsprozess.

Zielgruppe:

- vor allem für Fortgeschrittene geeignet, da das Modell sehr komplex wirkt und die Begriffe in diesem Kontext eher unbekannt sind.

Stärken:

- Zusammenführung von Wissensgebieten zur Unterrichtsentwicklung 

- bezieht sich auf die Lernenden und deren Weiterentwicklung

- unterstreicht, dass eine ausschließliche Fokussierung auf technologisches Wissen (z.B. Informatik) nicht ausreicht

Schwächen:

- sperrige und auf den ersten Blick abschreckende Begriffe 

- bisher im deutschen Sprachraum noch nicht so weit verbreitet und daher nur wenig Austauschmöglichkeit

 


Modell individuelle Förderung digital (MiFd)

Das MiFd (in seiner Version 4.0 vom Oktober 2018) von Tobias Rodemerk und Jan Hambsch bietet die Zusammenführung der drei oben beschriebenen Modelle, wodurch eine fundierte Einordnung von Lehr-Lern-Prozessen ermöglicht werden soll. Zusätzlich werden den drei Schwerpunkten konstruktive Unterstützung, Klassenorganisation und kognitive Aktivierung Indikatoren der Hattie-Studie zugeordnet und deren Wirksamkeitsfaktor dargestellt.

 

CC-BY-NC-SA Tobias Rodemerk und Jan Hambsch 

Das Modell lässt sich aufgrund seiner Komplexität etwas schwer als kleines Bild darstellen. Das Modell gibt es daher als Poster hier zum downloaden.

 

Zielgruppe:

- eher für Fortgeschrittene geeignet, da das Modell sehr umfassend wirkt

Stärken:

- Zusammenführung verschiedener bekannter Modelle und wissenschaftlicher Erkenntnisse

- stellt die Lernenden und deren individuelle Förderung in den Mittelpunkt

- liefert konkrete Apps und Online-Anwendungen für die Praxis

Schwächen:

- komplex wirkende Grafik, die Einsteiger u.U. abschreckt (wenngleich in der Version 4.0 übersichtlicher als zuvor)

- der Umfang der genannten Apps ist (zu) groß und die direkte Zuordnung zum Einsatzgebiet naturgemäß schwierig darzustellen (Überschneidungen)

 


Das Dagstuhl-Dreieck

Das Dagstuhl-Dreieck (2016 von Expert*innen der Informatikdidaktik und der Medienbildung auf Schloss Dagstuhl entwickelt) visualisiert drei Perspektiven und Blickwinkel auf Bildung in der digital vernetzten Welt. Eine anschauliche Erklärung in Videoform von Ira Diethelm gibt es hier.

CC-BY-SA Beat Döbeli Honegger und Renate Salzmann

  • "Die technologische Perspektive hinterfragt und bewertet die Funktionsweise der Systeme, die die digitale vernetzte Welt ausmachen.(...)"
  • "Die gesellschaftlich-kulturelle Perspektive untersucht die Wechselwirkungen der digitalen vernetzten Welt mit Individuen und der Gesellschaft. (...)"
  • "Die anwendungsbezogene Perspektive fokussiert die zielgerichtete Auswahl von Systemen und deren effektive und effiziente Nutzung zur Umsetzung individueller und kooperativer Vorhaben.(...)"

(Zitiert aus Dagstuhl-Erklärung - Bildung in der digitalen vernetzten Welt)

 

Zielgruppe:

- für Einsteiger und Fortgeschrittene geeignet

Stärken:

- reduzierte, übersichtliche Darstellung

- direkt für den unterrichtlichen Einsatz mit Schüler*innen nutzbar

- Oberbegriffe lassen Spielraum für eine tiefergehende Auseinandersetzung und können als Grundlage für Lehrpläne und Curricula fungieren

Schwächen:

- durch den informatischen Hintergrund nicht für alle Lehrkräfte zugänglich

- durch die allgemeinen Aussagen fehlen konkrete Bezüge und Einsatzszenarien für den Unterricht (Transfer gewünscht!)

 


Europäischer Rahmen für die Digitale Kompetenz von Lehrenden (DigCompEdu)

Der europäische Rahmen für digitale Kompetenz nimmt ähnlich wie das TPACK-Modell die Kenntnisse und Fähigkeiten der Lehrenden auf allen Bildungsebenen (allgemeinbildende und berufsbildende Schulen, Hochschul- und Erwachsenenbildung) in den Blick. Ziel des DigCompEdu ist es, digital arbeitende Lehrende bei der Verbesserung und Innovation von Bildungsangeboten zu unterstützen. Der Kompetenzrahmen bildet insgesamt sechs Kompetenzbereiche mit 22 Teilkompetenzen ab. 

 

(c) European Union 2017 https://ec.europa.eu/jrc/en/digcompedu

Zusätzlich sind auf der zweiseitigen Übersicht (PDF) Kompetenzstufen und die 22 Teilkompetenzen ausgewiesen. Unter DigCompEdu-Checkin (Version für Lehrkräfte an allgemein- oder berufsbildenden Schulen) ist ein Tool zur Verfügung gestellt, mit dessen Hilfe Lehrende ihre digitale Kompetenzen reflektieren und weiterentwickeln können.

 

Zielgruppe:

- für Einsteiger und Fortgeschrittene geeignet

Stärken:

- sinnvolle Einteilung in sechs zentrale Kompetenzbereiche 

- Teilkompetenzen lassen direkten Bezug zu Haltung, Handlung und Wissen von Lehrenden zu

- durch das Selbsteinschätzungstool verbunden mit den Niveaustufen ist eine Grundlage für selbstständiges und lebenslanges Lernen gegeben

Schwächen:

- gewonnen Erkenntnisse (Selbsteinschätzung) erfordern ausgeprägte Fähigkeit zur Selbstreflexion und zeitliche Ressourcen zur Fort- und Weiterbildung

bisher im deutschen Sprachraum noch nicht so weit verbreitet und daher nur eine geringe Austauschmöglichkeit vorhanden 


CCR Framework - Die vier Dimensionen der Bildung

In dem Buch 'Die vier Dimensionen der Bildung' von Charles Fadel, Maya Billig und Bernie Telling (deutsche Übersetzung von Jörn Muuß-Merholz) wird ein Framework des 'Center for Curriculum Redesign' (https://curriculumredesign.org) in Zusammenarbeit mit dem OECD-Projekt Education 2030 vorgestellt, welches eine Synthese aus 32 Frameworks visualisiert. Dabei geht es im Kern um die Dimensionen Wissen, Fähigkeiten, Charaktereigenschaften und Meta-Lernen (oder auch Lernen lernen).

  • In der Dimension Wissen (Knowledge) geht es um "Was wir wissen" im fachlichen und fächerübergreifenden Kontext.
  • In der Dimension Fähigkeiten (Skills) geht es um "Wie wir nutzen, was wir nutzen". Hier spielen die 4K (s.o.) eine zentrale Rolle. 
  • In der Dimension Charakter geht es um "Wie wir uns in der Welt verhalten und handeln". Als wesentliche Charaktereigenschaften werden Achtsamkeit, Neugier, Mut, Resilienz, Ethik und Leadership (Menschenführung) genannt. 
  • Beim Meta-Lernen geht es um "Wie wir reflektieren und uns anpassen". Diese vierte Dimension umschließt alle zuvor genannten. Hier geht es vor allem um das selbstständige und lebenslange Lernen. 

Zielgruppe:

- für Fortgeschrittene, Schulleitungen und Schulentwickler geeignet

Stärken:

- klare Positionierung von vier zentralen Dimensionen

- trotz der inhaltlichen Komplexität sehr übersichtlich gestaltet

- Berücksichtigung vieler Studien und Frameworks erlauben einen umfassenden Blick auf die Gestaltung zeitgemäßer Bildung

- als direkte Vorlage zur Schule- und Unterrichtsentwicklung nutzbar, die sowohl traditionelle als auch innovative Ansätze verbindet 

Schwächen:

- komplexes Instrument und die enorme inhaltliche Tiefe kann "einschüchternd" wirken


Fazit

Surprise, surprise: es gibt gar kein Super-Modell! Ich denke es ist deutlich geworden, dass die Modelle in ganz unterschiedlichen Kontexten Adressaten-orientiert eingesetzt werden sollten. Insbesondere das letztgenannte CCR-Framework hat es mir momentan ob seiner großen Ergiebigkeit angetan, da hier Schule nochmal ganz neu gedacht und entwickelt werden kann. Falls dies überhaupt gewünscht ist (Stichwort: growth mindset). Da wir Lehrer*innen bei der Entwicklung einer digitalen Didaktik aber ganz unterschiedliche Betrachtungsweisen (4 Augen der digitalen Bildung) und unterschiedliche Expertisen mitbringen, haben alle vorgestellten Modelle ihre Berechtigung. 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Tobias Oppenhäuser (Dienstag, 25 Juni 2019 12:23)

    Danke dir für diese Zusammenstellung! Diese Modelle sind für die Arbeit der Medienberater*innen in NRW essentiell wichtig. So kann die Verzahnung der vielfältigen Ideen mit dem konkreten Unterricht für beide Seiten (Beratende und Beratene) gewinnbringend geschehen...
    Ich verweise gerne auf deine Seiten!

  • #2

    Beat Rüedi (Samstag, 17 August 2019 09:06)

    Besten Dank für diesen Beitrag. Die wenigen (<5%) der VolksschullehrerInnen, welche auch unter digitalen Bedingungen lehren und lernen, haben ihr persönliches Modell - und die ´restlichen´ 95% wollen auch weiterhin nichts wissen von "mobilen Endgeräten".
    Das einzige Modell, welches vollflächig zum Lernen unter digitalen Bedingungen führen würde, ist die Erkenntnis und deren Umsetzung, dass Lernen seit jeher auch und vorallem ausserhalb der Schule stattfindet. Dieses "ausserhalb der Schule" kann durchaus auch in Makerspaces, in offenen Lernräumen stattfinden.