Mikrofortbildungen - Unterrichtsentwicklung im eigenen Kollegium

Wie kann Unterrichtsentwicklung im eigenen Kollegium vorangebracht werden? Wie gelangen Impulse und Innovation in den Unterrichtsalltag? Wie können die über den Digitalpakt angeschafften Medien konkret im Unterricht eingesetzt werden? Wie werden Ressourcen und Expertisen des eigenen Lehrerkollegiums gewinnbringend genutzt, damit möglichst viele Kolleg*innen  und letztlich auch deren Schüler*innen davon profitieren? 

 

In diesem Artikel möchte ich Antworten geben und zeigen, wie unkompliziert sich sog. Mikrofortbildungen in den Schulalltag integrieren lassen , welche Prinzipien beachtet werden sollten und welche Schritte notwendig sind, damit eure Schule sich erfolgreich und zukunftsorientiert weiterentwickeln kann. Mikrofortbildungen bieten eine sinnvolle Möglichkeit, Lehrerinnen und Lehrer zu motivieren und ein Handlungsrepertoire für den eigenen Unterricht mitzugeben. Flexibel, ohne großen Aufwand und auf die individuellen Bedingungen der jeweiligen Schule zugeschnitten, sehe ich in Mikrofortbildungen einen wichtigen Baustein eines tragfähigen und zeitgemäßen Fortbildungskonzeptes. An meiner Schule, der OBS Berenbostel, nutzen wir vier verschiedene Säulen, um uns im Bereich der digitalen Medien fortzubilden:

  1. Tagungen und Workshops: Kleine Gruppen oder Einzelpersonen besuchen verschiedene Tagungen (z.B. die Molol in Oldenburg oder die Edunautika in Hamburg) in der Region und bringen anschließend ihr Wissen in die Schule ein. 
  2. Die seit 2018 jährlich an unserer Schule stattfindende Tagung Fit4Tablets besuchen über 250 Kolleg*innen aus ganz Deutschland. Im Oktober 2019 hatten wir 45 Angebote verteilt auf zwei Tage organisiert. Für unser Kollegium ist die Teilnahme als SchiLf (Schulinterne Lehrerfortbildung) verpflichtend.
  3. Durch regelmäßig stattfindende Module der Multimediamobile werden Schüler*innen und Lehrer*innen fit gemacht im Umgang mit verschiedenen Tools und Praxisanwendungen.
  4. Seit 2018 finden regelmäßig Mikrofortbildungen statt. Im ersten Schuljahr weitgehend von mir organisiert, seit dem Sommer 2019 sind zunehmenden unterschiedliche Lehrkräfte an der Durchführung beteiligt. 

Each on teach one

Die Idee hinter Mikrofortbildungen (Mikrofobi) beruht auf dem Prinzip „Each one teach one“ (deutsch: "jeder bringt jedem etwas bei").  In diesem Zusammenhang bedeutet dies, dass Lehrer*innen mit Erfahrungen im Umgang mit digitalen Medien ihr Wissen und ihre Erkenntnisse mit den Kolleginnen und Kollegen teilen und sich so gegenseitig  (fort-)bilden. Dies geschieht ohne zeitlichen oder finanziellen Aufwand und vor allem direkt vor Ort an der Schule. Diese Methode der internen Fortbildung wird bei uns vor allem für das Lehren und Lernen mit dem Tablet genutzt, da unsere Schüler*innen ab Klasse 5 ein eigenes Tablet für den Unterricht nutzen. Hier liegt folglich der größte Fortbildungsbedarf. Grundsätzlich lässt es das Format bzw. das Prinzip der Mikrofobis aber auch zu, andere Entwicklungsschwerpunkt einer Schule abzubilden und einen regelmäßigen Austausch zu generieren.  

Für die Kompetenzentwicklung im Bereich der digitalen Medien ist dieses Format meines Erachtens aber am Besten geeignet. Im Fokus der Mikrofobi steht - auch wenn es um ein bestimmtes Tool geht - weniger das Produkt, sondern die Erfahrung, die Kolleg*innen mit der Anwendung im Unterricht gemacht haben und welche Tipps und Tricks sie aus der konkreten Praxis weitergeben können.  Natürlich geht es aber auch um ein Kennenlernen der Funktionen verschiedenster Apps oder Webanwendungen. Bei der Zusammenstellung unseres Fortbildungskanons achte ich dabei auf eine gesunde Mischung der verschiedenen Themen. Für das aktuelle Schuljahr wurde das Kollegium über eine Mentimeter-Abfrage an der Auswahl der Themen beteiligt. Mentimter war im letzten Schuljahr bereits Thema einer Mikrofobi. Für das erste Halbjahr ergaben sich auf Wunsch des Kollegiums z.B. folgende Inhalt:

 

Screenshot der Umfrage erstellt mit mentimter.com

Prinzipien von Mikrofortbildungen

Aus dem Team für das Team: Das Besondere an Mikrofobis im Vergleich zu anderen externen Fortbildungen ist, dass die Expertise aus der Mitte des eigenen Kollegiums kommt. Die Umsetzung mit der Praxis findet genau da statt, wo sie später mit den Lernenden umgesetzt wird: im Klassenraum der eigenen Schule. Es werden also die tatsächlichen Bedingungen der Schule abgebildet und nicht die Laborbedingungen besonderer Locations bei Tagungen oder Kongressen.

 

Guide on the Side: Die Teilgeber (Anbieter der Mikrofobis) bleiben auch im Nachgang ansprechbar und können die Kolleg*innen  begleiten. Es wird ein dauerhafter Austausch möglich und einzelne Kolleg*innen können bei ihren ersten Schritten in der digitalen Welt an die Hand genommen werden.

 

WeQ statt IQ:  Es ist immer wieder erstaunlich, welche großartigen Ressourcen und Expertisen in einem großen Kollegium schlummern. Gleichzeitig ist es nicht zu erklären, warum diese Talente so oft ungenutzt bleiben. Der gemeinsame Wissens- und Erfahrungsstand des Kollektivs ist logischerweise dem Einzelnen deutlich überlegen. Mikrofortbildungen profitieren davon. Durch Empowerment werden die Lehrkräfte befähigt, motiviert und wertgeschätzt. Ihre Arbeit ist ein wichtiger Bestandteil von Schulentwicklung, denn "Entwicklung ist eine Tür, die sich nur von innen öffnen lässt." Rolff (2015)

 

Kurz & knackig: Mikrofortbildungen finden in einem zeitlichen Rahmen von ca. 30–60 Minuten statt. Bei uns an der Schule bieten wir jedes Thema im Vormittagsunterricht zweimal hintereinander jeweils  45 Minuten an. Bei wenige Ausnahmen (Das Matheboard)  nutzten wir eine gesamte Doppelstunde. Wichtig ist, dass die einzelnen Themen nicht  überfrachtet wirken, um die Teilnehmenden evtl. nicht gleich zu überfordern. Die Inhalte sollen schließlich möglichst  zeitnah im eigenen Unterricht ausprobiert werden. Des Weiteren sollen die Lehrenden ermutigt werden, nicht jede Anwendung erst bis ins letzte Detail durchblickt zu haben. Da sind die Lernenden oft eh viel schneller. Mikrofobis sind also  kein perfektes Produkt und müssen nicht ins Detail didaktisiert werden. Hier gilt das Paretoprinzip

 

Geringer Aufwand: Es gibt keine bzw. nur eine geringe Ausfallzeit der Lehrkräfte, denn diese sind nicht tagelang weg. Die Fortbildungen finden mit kurzen Wegen dort statt, wo sie genutzt werden sollen – im Klassenraum. Zur Anmeldung dienen dabei entweder Aushänge im Lehrerzimmer oder es werden digitale Anmeldemöglichkeiten (bei uns über ein Padlet) geschaffen.

 

Vielfältige Angebote: Durch die Regelmäßigkeit der Mikrofobis kann ein breites Spektrum verschiedener Themen und Kompetenzen angeboten werden. Insgesamt empfiehlt sich eine gute Mischung: mal etwas fächerübergreifendes, mal etwas für einzelne Fachgruppen. So ist für jeden etwas dabei. 

 

Umsetzung

cc by sa 4.0 Jan Vedder angelehnt an einen Entwurf von Sarah Borde

Format: Mikrofortbildungen lassen sich in unterschiedlichen Formaten realisieren, z. B. als „digitale Mittagspause“, als „Fobi-Snack" am Mittag wie bei Tobi Raue, als „Wissen vor 8“ vor Unterrichtsbeginn oder auch als „Kurskiosk“ mit Fortbildungen auf Bestellung nach dem Vorbild von Sonja Hennig.

 

Wir haben zunächst 2018 mit den sog. "Fobi-Snacks am Morgen" gestartet. Ca. alle drei Wochen fanden Dienstags in der 1. und 2. Stunde Mikrofobis statt. Die Kolleg*innen haben ihre Teilnahme selbstständig organisiert.  (Hier sind kreative Lösungen möglich!) Seit Fit4Tablets19 haben wir den Rhythmus verkürzt. Die Fobis finden jetzt 14-tägig an unterschiedlichen Tagen (je nach Stundenplan des Referenten) statt.  

 

Zeitrahmen: Üblicherweise liegt  die Länge der Kurzfortbildungen zwischen 30 und 60 Minuten. An unserer Schule haben wir uns für eine Unterrichtsstunde (45 Minuten) entschieden. Der zeitliche Rahmen lässt sich aber flexibel an die jeweiligen Inhalte anpassen. Hier sollten  ggf. schulische Besonderheiten beachtet werden.

 

Ablauf: Es sind ganz verschiedene Abläufe möglich. Unser gängiges Modell ist beispielsweise: Ein kurzer Input zu Beginn, gefolgt von einer direkten Praxisübung, anschließend das Sammeln von Beispielen aus dem und für den Unterricht und abschließend das Bereitstellen von z.B. Handouts mit Links zu Tutorials und weiterführenden Informationen. Bei einem Thema wie "Das ganze Leben ist ein Quiz" habe ich aber auch direkt mit einem Quiz begonnen und hinterher konnten die Teilnehmenden in die intuitive Erstellung eines eigenen Quizzes einsteigen.

 

Expertinnen und Experten: Wer kann was?  Wer hat schon etwas im Unterricht ausprobiert? Wer hat bei einer externen Fortbildung eine neue Anwendung kennengelernt? Mit diesen Fragen lassen sich mehr Kolleg*innen als Anbieter von Mikrofortbildungen identifizieren als vielleicht zunächst gedacht. Natürlich können die Mikrofobis auch im Team angeboten werden.

 

Wir haben darüberhinaus auch schon Schülerinnen und Schüler zur Unterstützung (Thema: "Interaktive Bücher mit Book Creator") eingebunden , um ihre Expertise an unsere Lehrkräfte weiterzugeben. Dies habe ich als eine besondere Bereicherung für das Lernklima und als eine tolle Erfahrung für die Kinder und Jugendlichen wahrgenommen.

 

Vorbereitung und Planung: In die konkrete Planung der Inhalte und Termine startet man meist nach der Festlegung der oben genannten Rahmenbedingungen mit der Schulleitung. Hier gilt es zunächst zu schauen, an welchen Themen Interesse besteht, z. B. über Aushänge,  Online-Listen oder Abstimmungen in Dienstbesprechungen (siehe unsere Mentimeter-Abfrage). Sind die Mikrofobis konstant gut besucht, kann man auf Anmeldungen verzichten.

 

Wir hatten je Termin eine Beteiligung von 5-16 Personen in den letzten 1,5 Jahren. Die Interessenermittlung und die Auswahl der Mikrofobi-Anbieter sind logischerweise  aneinander gekoppelt. 

 

Themen und Inhalte: Bestenfalls wird ein möglichst breites Spektrum an Themen angeboten (s.o.), um unterschiedliche Kolleginnen und Kollegen anzusprechen. Ich plane die Inhalte immer für ein halbes Jahr im Voraus. Inhaltlich sind im Grunde keine Grenzen gesetzt. Hier eine kleine Auflistung von möglichen Inhalten:

  • Kommunikation und Kooperation mit Tablets
  • Digitale Medien im Sportunterricht
  • Das Matheboard und Bettermarks
  • Mein Leben ohne Tafel und Kreide
  • Die digitale Lehrertasche
  • Brainstormings und Mindmaps
  • E-Books erstellen mit Book Creator
  • Kreativ Arbeiten mit Adobe Spark
  • Erklärfilme und QR-Codes im Unterricht
  • Das Twitterlehrerzimmer 
  • Lernstände ermitteln mit Socrative und Plickers
  • Die digitale Pinnwand
  • Das ganze Leben ist ein Quiz
  • Trailer mit iMovie
  • Kollaboratives Schreiben mit Etherpads 
  • Textarbeit mit LiquidText 
  • Dateiverwaltung mit IServ
  • Podcasts und Hörspiele
  • ...

Aushang im Lehrerzimmer (A), Kurzbeschreibung googledoc (B), Padlet mit Anmeldefunktion (C), Ausschnitt eines Handouts (D)

Fazit

Mikrofortbildungen sind m.E. eine geniale und einfach realisierbare Möglichkeit den Chancen und Herausforderungen eines zeitgemäßen Unterrichts zu begegnen. Sie sollten fester Bestandteil des Fortbildungskonzepts in allen Schulen sein, denn das eigene Kollegium bei der Gestaltung einer digitalen Lernumgebung zu fördern und zu begleiten ist unabdingbar.  Dafür reicht auch kein einmaliger Fortbildungstag mit externen Referenten. Es braucht regelmäßige und niederschwellige Angebote und die Möglichkeit zur Rückfrage in der eigenen Komfortzone. Es braucht auch eine entsprechende Haltung der Schulleitung, damit die Fortbildungen eine möglichst große Reichweite erzielen. Teile der Schulleitung besuchen regelmäßig selbst die Mikrofobis (Vorbildfunktion!). 

 

Mit den Fortbildungssnacks bzw. Mikrofortbildungen werden Kolleginnen und Kollegen an unserer Schule zudem zu Multiplikatoren und wir nehmen „Alle“ mit auf den Weg in die Schule von morgen. Die gewohnte Atmosphäre bietet einen geschützten Raum und erlaubt es, sich Schritt für Schritt weiterzuentwickeln. Nach dem Motto: "The Secret of getting ahead is getting started" (Mark Twain). Wohlwissend, dass bei den kurzen Veranstaltungen natürlich nicht ganze Theorien erklärt oder Konzepte erläutert werden können. Es geht hier viel mehr um erste Schritte, denn: Machen ist wie wollen, nur krasser.  

 

Weitere Links und Inspirationen

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