Praxis: Das Matheboard - Individuelles Lernen mit digitalen Medien

Wenn wir wirklich Ernst machen mit inklusiver Bildung in der digitalen Welt, dann hat das Folgen; nicht nur für die Lehrkraft (Lehrerrolle), sondern auch für das Unterrichtssetting im Klassenraum. Lernen im Gleichschritt ist unter den Bedingungen der Digitalität und Inklusion nicht mehr umsetzbar. Mit dem Matheboard - ähnlich einer Wochenplanarbeit - können Lernende im Mathematikunterricht selbständig und individualisiert in ihrem eigenen Tempo arbeiten und zugleich die Ressourcen des Webs nutzen lernen. 

 

Mit diesem Praxisbeitrag möchte ich meine Unterrichtseinheit 'Brüche, Dezimalbrüche, Prozent' aus dem Kompetenzbereich 'Zahlen und Operationen' (vgl. nieders. Kerncurriculum für Mathematik an der Oberschule) vorstellen und blicke zugleich auf die ersten drei Monate Arbeit mit dem Matheboard zurück. An dieser Stelle sei gleich verraten, dass sich die Arbeit in einem Prozess befindet und ich diverse Anpassungen bereits vorgenommen habe und weiter werde. Zugleich teile ich meine Materialien mit meinen Kolleginnen und Kollegen, so dass sich sicherlich weitere Optimierungsvorschläge ergeben werden.

 

Die Idee

Immer wieder versuche ich das Thema Vernetzung in den Mittelpunkt der Debatte um die 'Digitale Bildung' zu rücken (Lehrerinnen und Lehrer vernetzt euch!). Die Entstehung des Matheboard ist für mich ein Paradebeispiel des Lernens im Web, der Ko-Konstruktion von Wissen und von Vernetzung mit anderen Lehrerinnen und Lehrern. Die Ursprungsidee stammt von meinem Hamburger Lehrerkollegen Marcus von Amsberg (Ivi-Education). Sein Teamboard (es wird sehr anschaulich in diesem Video erklärt) nutzte ich als Vorlage. Im Laufe des Prozesses wandelte sich meine Umsetzung allerdings mehr und mehr zum individuellen Lernen (oder Mastery-Learning), so dass ich nach wenigen Wochen den Titel für meine Zwecke angepasst habe. Das Grundprinzip vom Lernen im eigenen Tempo unter Nutzung digitaler Ressourcen und weg vom Lernen im Gleichschritt ist jedoch von mir genauso beibehalten worden. 

 

Die Ausgangslage

Seit diesem Schuljahr unterrichte ich u.a. Mathematik in einer 6. Klasse. Die Lerngruppe ist sehr heterogen (ja, ich weiß - wie jede Klasse) und es gibt einige Kinder mit Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung (verschiedene Förderschwerpunkte). Bei der Klasse handelt es sich um eine Tabletklasse mit einer 1:1 Ausstattung und dank unserer Veranstaltung Fit4Tablets ist auch die infrastrukturelle Ausstattung (Netzgeschwindigkeit und WLAN-Anbindung) mittlerweile recht gut. Die Schule ist im Jahr 2017 neu als Oberschule gegründet und aus der Zusammenführung einer Haupt- und Realschule entstanden. Konzeptionell ist eine 1:1 Ausstattung aller Schülerinnen und Schüler und aller Lehrenden geplant. Für die Klassen der neuen Oberschule wurden keine Schulbücher und Arbeitshefte angeschafft, da zukünftig vielfältig mit digitalen Materialien und Methoden im Unterricht gearbeitet werden soll. 

Aufgrund der guten technischen Ausstattung konnte ich in der Unterrichtseinheit  auf Recherche-Aufträge im Netz, Erklärfilme bei YouTube, Übungen bei LearningApps und Aufgaben bei Bettermarks mit direktem Feedback zurückgreifen. 

 

Die Umsetzung

Zu Beginn der Unterrichtseinheit erhielten die Schüler*innen das Matheboard zum abheften. Alle weiteren Materialien stehen über QR-Codes auf dem Board digital zur Verfügung. Zusätzlich wurden weiterhin Stifte und Heft/Block für Rechnungen oder Merkhilfen verwendet. Der Umgang mit dem Board und das selbständige Erarbeiten der Inhalte wurde mit der Lerngruppe ausführlich besprochen. 

 

Screenshot Matheboard 'Brüche, Dezimalbrüche, Prozent' Seite 1

Beim Start in einen neuen Lernschritt markierten die Schüler*innen zunächst farbig die Zahl in der linken Spalte und bearbeiteten dann in ihrem Tempo die Aufgaben und Übungen unter Nutzung der Materialien und Hilfen im Netz. Am Ende des Lernschrittes markierten die Lernenden in der Ampel eine Selbsteinschätzung zum Inhalt. Erklärungen und Videos in Aufgaben in Videoformat sind größtenteils von Sebastian Schmidt. Sebastian greift mittlerweile auf 5 Jahre Flipped Classroom-Erfahrung im Matheunterricht zurück und ich freue mich, dass er sozusagen als Co-Teacher in meinem Unterricht fungierte. Auch die Schüler*innen zeigten sich interessiert an den "Videos von Herrn Schmidt". 

Besonders motivierend für die Lerngruppe war die Nutzung der adaptiven Mathebücher von Bettermarks, die ich den Schüler*innen in Form von To Do-Listen auf ihren Tablets frei schaltete. In der Anwendung können sowohl Tipps und Hilfen angezeigt als auch ein direktes Feedback zu den Aufgaben gegeben werden.

 

Screenshot Bettermarks 'Addition und Subtraktion in der Bruchrechnung

Im Laufe der Unterrichtseinheit wurde auch eine Lernzielkontrolle über die Anwendung durchgeführt, während die Mathearbeit noch 'klassisch' in Papierform von mir umgesetzt wurde. Wesentliche Neuerungen sind allerdings die alternative Leistungsbewertung und Form von digitalen Produkten, die Schüler*innen im Laufe der Einheit selbstständig erstellten. So haben die Lernenden z.B. bei Lernschritt 4 eigene Übungen auf der Seite LearningApps.org angelegt. 

Screenshot der Klassenapps auf LearningApps.org

Der große Vorteil der Seite besteht darin, dass eine Lehrperson relativ unkompliziert Schülerkonten anlegen kann, ohne dass sich die Schüler*innen mit ihren personenbezogenen Daten selbst anmelden müssen. Die erstellten Apps (Übungen) werden direkt im Klassenordner abgelegt. Selbstverständlich durften die Übungen der Klassenkameraden auch erprobt werden. Das Pferderennen stellte sich dabei als Highlight heraus. 

Die entwickelten Übungen fließen dann anteilig in die Note mit ein. Die Bewertungskriterien wurden vorher transparent gemacht. Dafür nutzte ich die gelungene Vorlage von Sonderpädagoge Stefan Schwarz, die er auf Twitter teilt.

 

Screenshot Bewertungskriterien LearningApps cc by sa Jan Vedder cc by sa Stefan Schwarz

Derzeit erstellen einige Lernende eigene Legevideos (Common Craft) zum Lernschritt 7. Hier geht es um die Addition von ungleichnamigen Brüchen. Zur Addition und Subtraktion von gleichnamigen Brüchen hatte ich als Beispiel ein eigenes Legevideo produziert und der Lerngruppe über Youtube zur Verfügung gestellt. 

Reflexion und Fazit

Nicht nur für die Lernenden sondern auch für mich als Lehrperson war die Veränderung des Unterrichtssettings sofort spürbar. In den letzten Wochen gab es nur ganz wenige frontale Phasen. Diese werden in der Regel dafür genutzt, dass die Schüler*innen die Möglichkeit haben schwierige Aufgaben per Screenshot an mich zu senden um diese dann gemeinsam zu besprechen. Zusätzlich wurde am Anfang der Einheit etwa ein Mal in der Woche ein Kahoot-Quiz (Beispiel) mit der Klasse gespielt und anschließend Teile der Aufgaben besprochen. Um weiter an ihrer Selbsteinschätzung zu arbeiten nutzen die Schüler*innen neben der Ampel im Matheboard auch die von mir gestellte Zielscheibe der Online-Anwendung Oncoo.de

 

 

Screenshot Selbsteinschätzung mit der Zielscheibe auf oncoo.de

Die große Stärke der Arbeit mit dem Matheaboard besteht für mich darin, dass die Lernenden sich die Lernschritte möglichst eigenständig erschließen und das Erlernte anwenden, indem sie u.a. eigene digitale Produkte (Legevideos, LearningApps u.ä.) erstellen. Der Prozess des Lernens wird so mehr und mehr in die Schülerhände gelegt. Für uns Lehrende bedeutet dies das Loslassen von unserer Rolle als des oft selbst erlebten 'Frontaldompteurs'. Die Entwicklung vom Sage on the Stage zum Guide on the Side erscheint unausweichlich und ist doch ein zeitintensiver und reflexiver Prozess.

 

In einem Klassengespräch nach etwa 8 Wochen nannten die Schüler*innen folgende Punkte als Vorteile:

  • Die Nutzung von QR-Codes zum schnellen Auffinden von Aufgaben/Videos/Materialien
  • Das Markieren der Lernschritte um den Überblick zu behalten
  • Bei der Arbeit mit Bettermarks kann man sich Tips anzeigen lassen und Aufgaben wiederholen
  • Die Erstellung eigener Apps (Übungen) bei LearningsApps 
  • Jeder kann in seinem Tempo arbeiten

Für die Klasse hat in diesem Jahr das digitalgestützte Lernen gerade erst begonnen. Wir stehen am Anfang dieses Prozesses. Klar ist, dass die skizzierte Umsetzung nicht die Redefinition (SAMR lässt grüßen) von Schule und Unterricht darstellt. Hier werden weitere Entwicklungsschritte folgen müssen. Im Prozess der Individualisierung von Lernen sind hier mehr Mitverantwortung bei der inhaltlichen Gestaltung des Boards denkbar: eigene Lernvideos entdecken, sinnvolle Übungen im Netz nutzen um gezielt mit Partnern und Gruppen zusammenzuarbeiten, eigene Entscheidungen über geeignete selbst erstellte digitale Produkte treffen etc.

Dennoch: Ich denke es ist ein weiterer Schritt in Richtung zeitgemäßen Unterrichts.

 

Highlight

Ein besonderer Höhepunkt war die Präsentation als Best Practice im Rahmen von Fit4Tablets. Auf der Bühne haben zwei meiner Schülerinnen 250 Lehrerinnen und Lehrern die Arbeit mit dem Matheboard vorgestellt und extra dafür mit der App BookCreator ein kleines E-Book erstellt. 

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Kommentare: 1
  • #1

    schloot (Samstag, 16 November 2019 13:52)

    Überraschend, dass hier noch gar kein Kommentar steht. Ich finde die Idee super und werde sie in der nächsten Einheit "Prozentrechnung" mal mit meiner 7. Klasse ausprobieren. Danke für deine Hilfe hier im Netz. Das ist nicht selbstverständlich!
    Gruß
    schloot