Der Stoff ist tot - lang lebe der Stoff!

Das Scheitern des Distanzlernens (unter den Fans auch Homeschooling genannt) ist nur zu einem Teil ein Totalversagen des Dritte-Welt-Digitallandes Deutschland. Keine Ausstattung, keine Infrastruktur, keine Fortbildung. Digitalpakt in Zeitlupe.

 

Es ist ein Versagen der Präsenzschule. Unter dem Brennglas der Pandemie wird uns vor Augen geführt, wie Schule bisher funktioniert: Eine Lehre im Gleichschritt, geprägt von Unterrichtsstoff und Prüfungsdruck. Einzelprüfungen ohne kollaborative, erforschende und Webressourcen-nutzende Anteile. Also so ziemlich das Gegenteil von dem, was in der heutigen Welt so wichtig ist (Quelle). Fremdbestimmtes Lernen und kaum authentische Lernsituationen im 45-Minuten-Takt sind Sinnbild eines Auslaufmodells. 

 

Der Ruf nach der Rückkehr in eine Schulnormalität (Quelle) ist in Wirklichkeit also ein Aufruf zur Bewahrung des tradierten Systems. Der verpasste Unterrichtsstoff dient als Feigenblatt, so schnell wie möglich in eine Schule vor Corona zurückzukehren. Innovation ja - aber interaktive Whiteboards müssen reichen. Der Rest bleibt bitte wie immer.

 

Dabei ist unser Schulsystem gnadenlos ineffektiv, ungerecht, selektierend und beruht auf der Vorstellung, Lernen sei büffeln und auswendig lernen. Das Gebüffelte muss sich ja schließlich prüfen lassen. 13.000 Schulstunden und ein paar tausende Stunden Hausaufgaben und Nachhilfe erleben Schüler*innen in ihrer Schullaufbahn - und doch bleiben weniger als 5 Prozent des Gelernten hängen (Quelle). Und auf einmal soll durch ein paar Wochen ohne Schule eine Generation für immer abgehängt sein und kann die Wissenslücken nie wieder schließen (Quelle)?

 

Allein das Wort "Unterrichtsstoff" im Kontext von Lernen lässt mich immer wieder erschaudern. Weitere grausame Worte wie Unterrichtsversorgung, Wissensvermittlung, Lehrplan und eben Präsenzunterricht hängen seit Corona mit ihm am Tropf und stehen für eine Vorstellung, die es zu überwinden gilt. 

 

In diesen Begrifflichkeiten steckt ein überholtes Verständnis von schulischer Bildung. Was wir für einen Wandel von Schule brauchen sind nicht nur neue Schlagwort. Wir benötigen eine gänzlich neue Lernkultur als Antwort auf die zentralen Probleme unserer bisherigen Schule:

  1. Die Werte unserer Schule sind die Werte des Industriezeitalters
  2. Fremdbestimmung ist das Paradigma unserer schulischen Lernorganisation
  3. Unsere Schule bietet wenige authentische Lernsituationen
  4. Unser Unterricht lässt kaum Platz für Leidenschaften und eigene Interessen der Lernenden
  5. Lehre im Gleichschritt widerspricht dem Gedanken von Individualisierung und Inklusion

Genau hier kommt wieder das Brennglas der Pandemie ins Spiel, denn das Lernen auf Distanz kann diese Vorstellung von Lernen (genau genommen ist es bisher eine Vorstellung von Lehren) schlecht bis gar nicht abbilden. Unser schulisches Lernen ist stark abhängig von Einzelpersonen : Lehrer*innen, Nachhilferlehrer*innen UND den Eltern.

  

Nicht UnterrichtsAUSFALL sorgt für Bildungsungerechtigkeit, sondern der Unterricht (als Stellvertreter des Schulsystems) selbst. Nur knapp 15 Prozent der Erwachsenen mit Eltern ohne Abitur erreichen in Deutschland den Bachelorabschluss (Quelle). 

Die (Präsenz-)Schule ist also ein ungerechtes und krankmachendes System (Quelle) in einem passenderweise maroden Gebäude. Schüler*innen  klagen über Kopfschmerzen, Schlafprobleme, Gereiztheit und Ängste.

 

Schulen als Dealer

... Alles unter dem Deckmantel des heiligen Schulstoffes. Schulen sollen gefälligst wie Dealer Stoff vermitteln. Was für eine Vorstellung von Lernen. Dabei bedeutet doch Lernen viel mehr: etwas auszuprobieren, Neues zu entdecken, Fehler machen zu dürfen, über etwas zu stolpern,  Ideen wieder zu verwerfen, Kreativität, gedanklich und praktisch zu experimentieren, sich und andere zu reflektieren und sich mit Menschen und der Welt zu vernetzen, echte Fragen stellen.

 

Unser schulisches Lernen hingegen basiert auf der Idee, Arbeitsaufträge und Arbeitsblätter abzuarbeiten. Mal ganz abgesehen vom toten Stoff, der verdaut werden muss, weil.. ja weil... Prüfungen halt (Quelle: Was wir wirklich wissen müssen).

 

Die fehlende Authentizität von schulischem Lernen hängt auch ganz eng mit der fehlenden Selbstbestimmung an Schulen zusammen. Das Lernen dort ist geprägt von Steuerung und Fremdbestimmung, statt Sinnzusammenhänge herzustellen und gehirnfreundliche Lernsettings zu generieren. 

 

Noch weiter gedacht: Nicht nur „Lernwege“ sind freizugeben, sondern auch spezifische Inhalte, Fragen und Ziele gehören in die Selbstbestimmung der Schüler*innen." (Quelle: Hauptlernform Projektlernen. Wie geht das?). Um diese Freiräume zu schaffen und - neben Elementen wie dem Freiday  - themen- und nicht fächergebundene Lernanlässe zu schaffen, müsste der heilige Lernstoff natürlich gekürzt werden (Entwicklungsfeld Unterricht - Lernen in Zusammenhängen).

John Hattie kann beim Gedanken an unser Schulsystem nur schmunzeln. Kein Land der Welt trennt Kinder durch den Schulwechsel nach Klasse 4 von ihren Peers. (Hier im Original zu hören in einem Tweet von Stefan Quandt.) Wir trennen aber nicht nur Kinder, wir trennen auch Fächer und Inhalte. Und noch mehr: In Deutschland haben viele weiterführende Schulen ein spezielles Profil, sodass Eltern schon früh eine schwierige Richtungsentscheidung für ihr Kind treffen müssen. In Neuseeland setzt man dagegen auf eine Integration der Fächer. "In Workshops betrachten Kinder Bakterien, als handle es sich um ein Gemälde. (...) Sie machen Action Painting im Stil von Jason Pollock und sprechen über die fraktale Dimension, die Mathematiker in den Bildern des Künstlers entdeckt haben." (Verena Hasel in Der tanzende Direktor  Seite 136)

 

Wir selektieren, separieren und unterteilen lieber weiter. Der Stoff aus dem Träume platzen. 

 

Bausteine einer neuen Lernkultur

Das Lernen im 21.Jahrhundert muss sich lösen von einem festen Lernort des Klassenzimmers. Bildung im 21.Jahrhundert stellt die Frage nach dem  WAS? , WARUM?WIE?, WO? und WANN? des Lernens ganz neu.  Die Pandemie bietet die (einmalige) Chance, festgefahrene Strukturen und Denkmuster zu durchbrechen. Für eine neue Normalität und eine neue Kultur des miteinander Lernens.

 

Die Lernbausteine Individuelles & selbstgesteuertes Lernen,  Kooperatives & kollaboratives Lernen und Kreativ-produktives & gestalterisches Lernen sind bei einer digital-inklusiven Gestaltung von Unterricht von zentraler Bedeutung.

 

Wenn - ja wenn - wir uns vom Stoffdiktat lösen würden. Das ist immer dort live zu erleben, wo Schulen sich verändern und neue Wege gehen. (Quelle: Erfolgsmodell: freies, digitales Lernen)

Als Grundvoraussetzungen solch einer offenen Lernkultur bleiben Beziehungsarbeit und ein fester pädagogischer Rahmen unerlässlich. Deshalb möchte ich nicht falsch verstanden werden. Dieser Beitrag ist kein Plädoyer gegen Präsenzunterricht. Er ist ein Plädoyer gegen einen Unterricht, der ausschließlich auf Präsenz beruht. Ein Unterricht der auf Lehre und der Abarbeitung von Arbeitsblättern basiert.  Menschen sollen sogar ohne Lehrpersonen lernen können. Unglaublich oder? 

 

So bleibt mein persönlicher Favorit in diesen Zeiten das Wechselmodell. Schulen sind eben keine Lernfabriken, sondern Treffpunkt, Sozialraum, Begegnung, geben Struktur und Verlässlichkeit. In Schulen erlebt man Gemeinschaft. Aber leider eben auch Druck und Angst. Genau da müssen wir ran. Völlig unabhängig von Corona. Das funktioniert aber gewiss nicht über die Argumentation von verpasstem Unterrichtsstoff. Das erzeugt nämlich noch mehr Druck.

 

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Kommentare: 12
  • #1

    Doreen Siebelist (Mittwoch, 20 Januar 2021 20:53)

    Wahnsinn! Auf den Punkt gebracht und meine Gefühlslage absolut abgebildet.
    Ich konnte dich bereits persönlich erleben: Gera - Fortbildung zu digialen Inhalten. Ich bin Fachleiterin Pädagogik am Studienseminar Erfurt. Das alte Schulsystem knarzt an allen Ecken. Ich schaue aus dem Fenster und denke hier so mitten am Waldesrand zuhause: Vielleicht doch mehr Kraft in eine neue Schule mitten im Wald stecken., ohne das große Ganzes ändern zu wollen. Alles Liebe

  • #2

    Tom Mittelbach (Mittwoch, 20 Januar 2021 23:18)

    Sehr treffend, besten Dank!

  • #3

    Isabelle Schuhladen (Donnerstag, 21 Januar 2021 07:10)

    Du hast die desaströse Lage und die Richtung der notwendigen Veränderung perfekt auf den Punkt gebracht. Deinen Text müssen die KM hochkonzentriert lesen!

  • #4

    Peter England (Donnerstag, 21 Januar 2021 12:33)

    Top lad!

  • #5

    Andreas Cordt (Donnerstag, 21 Januar 2021 18:03)

    Treffende Analyse. Änderungen nicht in Sicht. Dazu ist Deutschland nicht bereit. Selbst wenn eine Schule sich ändern möchte gibt es genügend Kräfte, die das verhindern werden. Innere und äußere. Glaubt mir.

  • #6

    Büli (Donnerstag, 21 Januar 2021 18:12)

    Hey Jan,

    ich gebe gerade einem Nachbarsjungen Nachhilfe in Mathe und sehe, wie der „Stoff“ durchgeprügelt wird, ohne das ihm klar wird, wozu man das eigentlich benötigt. Ein „Abarbeiten“ von Aufgaben anstelle von Sinnhaftigkeit und Realitätsbezug, echt grausam. Irgendwie schäme ich mich manchmal, weil mir deutlich wird, wie wir diesen Kindern Spaß, Fantasie und die natürliche Lust am Lernen nehmen (müssen).
    Gut, dass unsere Schule diesen Schwachsinn nicht mitmacht. Wer stoppt diesen Wahnsinn eigentlich mal?

  • #7

    Ilonka (Donnerstag, 21 Januar 2021 18:45)

    Deshalb arbeite ich so gern an der Montessorischule. Die Kinder und Jugendlichen bleiben neugierig, selbstständig und kompetent darin, sich Wissen zu erschließen, ihren Tag zu planen. Selbstbestimmt lernen. Hilf mir es selbst zu tun- ein guter Gedanke von Maria Montessori!

  • #8

    Diana Otte (Freitag, 22 Januar 2021 12:24)

    Fantastisch formuliert!

  • #9

    Philip (Freitag, 22 Januar 2021 13:51)

    Ich verstehe die Frustration hinter diesem Paukenschlag. Ich verstehe nicht, an wen er gerichtet ist und was er bewirken soll. Inhaltlich ist das ja nichts neues. Die Eindimensionalität des Schulsystems ist lange vor Corona entblößt. Und im Prinzip wollen doch alle das gleiche: Kleinerer Betreuungsschlussel, eine vernünftige Ausstattung, offenere Systeme, flexible, innovative Formate.

    Solche Aufrufe in den Medien werden aber leider oft missverstanden und bringen keine Lösung. "Lehrer, tut was" las ich neulich als Überschrift in einer renommierten Zeitung. Wir Lehrer führen leider meistens Einzelkämpfe, auch gegen das System. Wir wollen das auch nicht, haben aber einen sehr begrenzten Einfluss auf das System.

    Die Politik muss was tun. Die Menschen müssen aus den alten Denkmustern raus. Da fängt es an.
    Die Schule spiegelt die Gesellschaft wider. Sich an der Terminologie aufzureiben und zu sagen, andere Länder machens besser, reicht nicht.

  • #10

    Ulli (Samstag, 23 Januar 2021 08:06)

    Zum Kommentar von Philipp: Ich kann dir leider nicht zustimmen, denn an der Stelle bleibt Jan Vedder ja nicht stehen!
    Wenn du seinen Blog oder seine Beiträge im Twitterlehrerzimmer verfolgt hättest, würdest du erkennen, dass er sich darüber hinaus intensiv im „Schule im Aufbruch“-Netzwerk engagiert und laufend Ideen zur Verbesserung des althergebrachten Systems publiziert und teilt. Die SIA-Bewegung bekommt allmählich auch mehr Einfluss bei den Bildungspolitikern, man darf hier allerdings keinen radikalen Wechsel im Denken (der alten Muster) erwarten. Dennoch sind Artikel wie diese wichtig, um permanent deutlich zu machen, dass die Paukschule des 19. und 20. Jahrhunderts ein Auslaufmodell darstellt.
    Deswegen: Weiter so, Jan! Es lohnt sich: Der Widerstand wächst!

  • #11

    Birgit (Montag, 25 Januar 2021 07:55)

    Dein Text ist so gehaltvoll wie richtig. Es geht um eine neue Lernkultur - und ebs geht um eine neue Lehrkultur. Zurück zum “herkömmlichen” Präsenzunterricht bedeutet für viele KuK, zurück zu einem leistbareren Alltag. Leider. Als ich vor über 20 Jahren begann zu unterrichten, bestand ein volles Debutat aus 27 WS. Heute mit Klassen von 30 SuS ist das noch genaus so. Die Aufgaben haben sich geändert, sind noch vielfältiger geworden, nicht nur Kinder, sondern auch Eltern betreuungsintensiver. Eigentlich hat sich das Berufsbild geändert. Und die notwendige Unterstützung und liebevolle Betreuung steht jedem Kind zu. Auch das ist Teil des Problems. Ich habe jahrelang auf Gehalt verzichtet, um glückliche Schüler zu unterrichten, die in einem anregenden Unterricht zusammenkommen und Lerngemeinschaft erfahren. Zeit ist ein wichtiger Faktor für Zuwendung.

  • #12

    Christoph Wurnig - SCHOOL-IN-MOTION (Montag, 25 Januar 2021 22:59)

    ❤️❤️❤️
    Besser hab ich meine Überzeugung noch nirgends gelesen. Danke!
    Und ich nehme ein paar Wortgeschöpfe als Anregung für mein "ABC der Pädagogik" mit.
    Unsere Schritte sind kleine, aber es geht trotzdem vorwärts.
    Alles Liebe aus Tirol