Schule im Wandel - Eine Geschichte in 15 Bildern

Schule im Kontext von inklusiver Bildung in der digitalen Welt zu denken bedeutet, Schule neu zu erfinden, um einen zukunftsfähigen Unterricht zu gestalten. Es ist unsere Aufgabe ein neues Verständnis von Lernen und Lehren im 21. Jahrhundert zu gestalten, welches sich zum Teil fundamental von der 200 Jahre alten Traditionsschule unterscheidet. Die Schule - wie wir und unsere Eltern/Großeltern sie kennen -  ist unserer Zeit entwachsen. Sie entstammt einem anderen Zeitgeist: 

 

Bild 1: Changing education paradigms

Unserem Bildungssystem ist nicht länger durch kleine Reformen (Reförmchen) zu retten, viel mehr bedarf es einer Transformation. Was sind die Auslöser? Wie verändert  sich die Gesellschaft außerhalb des Kosmos Schule?

 

Bild 2: Living in a VUCA-World

Das Leben in der VUCA-Welt basiert auf dem Umgang mit vier spezifischen Einflussfaktoren: Unbeständigkeit (Volatility), Unsicherheit (Uncertainty), Komplexität (Complexity) und Mehrdeutigkeit (Ambiguity).

 

In dieser global vernetzten Digitalgesellschaft (VUCA-Welt) braucht es andere Kompetenzen um  zukünftige Generationen auf die Herausforderungen der Gesellschaft vorzubeiten. Den Zusammenhang aus Auslöser, Konsequenzen und Herausforderungen zu erkennen und nachzuvollziehen ist dabei grundlegend :

 

Bild 3: Leitmedientransformation

Quelle: Beat Döbeli Honegger (2016): Mehr als 0 und 1 – Schule in einer digitalisierten Welt. hep verlag, www.mehrals0und1.ch 

Der beschleunigte Wandel und die ständige Verfügbarkeit von Wissen und Ressourcen bilden sich besonders eindrucksvoll im World Wide Web ab: 

 

Bild4: Das passiert in einer Internet-Minute

Wie kann Schule angemessen auf diese Herausforderungen der vernetzten Welt reagieren? Durch Stillstand und Mängelverwaltung werden wir den komplexen Aufgaben der Gegenwart und Zukunft jedenfalls nicht gerecht.

 

Bild 5: Die 6 Probleme unseres Schulsystems

Die Gesellschaft entwickelt sich rasend schnell (VUCA) weiter und um uns herum laufen technisch-informatische Prozesse ab (Künstliche Intelligenz, Automatisierung, SmartHome, Blockchain, Kryptowährungen etc.), die wir nicht wirklich verstehen. Wenn zukünftig 50% der Berufe - wie wir sie kennen - wegfallen, kann es sich Schule kaum leisten weiterhin wie ein schwerfälliger  und unbeweglicher Tanker daherzukommen (Welche Jobs und Berufe künftig überflüssig werden). Radikaler Verfechter einer Bildungsrevolution ist Jack Ma, der sich gegen eine wissensbasierte und für eine kompetenzorientierte und wertevermittelnde Schule ausspricht: 

 

Bild 6: We can't teach our kids to compete with machines

Nach dieser Bestandsaufnahme und einen ersten Einblick in mögliche Folgerungen für die Umgestaltung bzw. Neugestaltung (Transformation) schulischen Lernens in der VUCA-Welt, müssen wir nun konkrete Vorstellungen von dieser neuen Schule entwickeln:

 

Bild 7: Medienbildung in der Schule

Quelle: Beat Döbeli Honegger (2016): Mehr als 0 und 1 – Schule in einer digitalisierten Welt. hep verlag, www.mehrals0und1.ch 

Wer nun denkt, es ginge mal wieder "einseitig" um die Frage wie sich Schule in Bezug auf das Lernen mit digitalen Medien am besten aufstellt, der irrt. Achtung: Spoiler! Es geht schlicht und einfach um LERNEN. Merkmale für zeitgemäßes Lernen sind Lernerorientierung,  Selbstverantwortung, Ganzheitlichkeit, passgenaues Lernen und kooperative wie selbstgesteuerte Lernprozesse. Die Renaissance der Reformpädagogik (u.a. Montessori) wird durch die Möglichkeit der Digitalität nun verstärkt. Es geht dabei nicht nur um personenzentrierte digitale Lernressourcen, sondern auch um digitale Teilhabe und Mitbestimmung:

 

Bild 8: Von der Instruktion zur Konstruktion

Die Fragestellung lautet daher: WARUM, WIE und WAS soll im 21. Jahrhundert gelernt werden? Das Wie lässt sich dabei vermutlich schneller gestalten als das Was und Warum, da die neurologischen Erkenntnisse über Lernprozesse nicht neu sind: 

 

Bild 9: Vom Lernen statt Lehren

cc by Stephanie Groshell  educationrickshaw.com

Während der Wert von Wissen (und Zertifikaten?) in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer weiter abnimmt, werden Kompetenzen wie Kommunikation, kritisches & komplexes Denken und teambasierte Problemlösestrategien eine zentrale Rolle spielen, damit zukünftige Generationen Haltungen und Kompetenzen erwerben, die  sie befähigen, sich in einer dynamischen Gesellschaft zurecht zu finden. Die Kompetenzen des 4K-Modells (Die 4K-Skills - Was meint Kreativität, kritisches Denken, Kollaboration, Kommunikation) werden erweitert durch komplexes Denken und die Fähigkeit lebenslang zu lernen:

 

Bild 10: Kompetenzen im 21.Jahrhundert

Bevor wir also das Was wie gewohnt mit Vorgaben oder Unterrichtsstoff (grauenvolles Wort) beantworten, sollte das Hauptaugenmerk auf die genannten Kompetenzen gerichtet werden. Diese lassen sich nur durch einen Paradigmenwechsel auch im Denk- und Lernverständnis erwerben:

 

Bild 11: Der Mensch soll lernen, nur die Ochsen büffeln

In der Übersicht wird deutlich, dass sich das Lernen im digitalen Zeitalter vom Auswendiglernen und Abrufen von Reproduktionswissen unterscheidet. Dies ist nicht gleichbedeutend mit dem Verlust jeglichen Wissens (wie kann denn sonst kritisches Denken erfolgen?!), sondern es geht um das kritische Hinterfragen von Fachinhalten (vgl. Jack Ma: We can't teach our kids to compete with machines). Neben Wissen und Skills geht es auch um Charakterbildung und lebenslanges Lernen als zentrales Element. Eine gute Grundlage für ein pädagogisches Konzept bietet daher das CCR-Framework: 

 

In der Dimension Wissen (Knowledge) geht es um "Was wir wissen" im fachlichen und fächerübergreifenden Kontext. Unter der Dimension Fähigkeiten (Skills) verteht man "Wie wir nutzen, was wir nutzen". Hier spielen die 4K (s.o.) eine zentrale Rolle. Die Dimension Charakter meint das "Wie wir uns in der Welt verhalten und handeln".  Als wesentliche Charaktereigenschaften werden Achtsamkeit, Neugier, Mut, Resilienz, Ethik und Leadership (Menschenführung) genannt. Beim Meta-Lernen geht es schließlich um "Wie wir reflektieren und uns anpassen". Diese vierte Dimension umschließt alle zuvor genannten. Hier geht es vor allem um das selbstständige und lebenslange Lernen. (Absolute LeseempfehlungDie  vier Dimensionen der Bildung: Was Schülerinnen und Schüler im 21. Jahrhundert lernen müssen)

 

Die vier Dimensionen zeigen schon in welche Richtung die Ausgestaltung eines Konzeptes gehen kann: Weg von Trennendem, hin zu Verbindungen/Beziehungen/Vernetzung. Realisierbar bestenfalls  in Projekten, begleitet durch Reflexion (Logbuch, Lernlandkarten etc.):

 

Bild 12: Projektlernen selbstbestimmt und personalisiert

cc by Lisa Rosa auf shiftingschool.wordpress.com

Unterricht statt in Fächern in Projekten (vgl. Bild 7 Stufe 4) zu organisieren ist nicht nur gehirnfreundlicher, sondern stellt einen hohen Grad an Selbstbestimmung dar. Durch die Personalisierung des Lernens bei gleichzeitiger Möglichkeit der digitale Vernetzung (auch außerhalb des Klassenraums) erleben Lernende intrinsisch motiviert echte Selbstwirksamkeit. Das Lernen wird nicht länger künstlich getrennt und isoliert wahrgenommen, sondern als interdisziplinärer ganzheitlicher Prozess. Um diese Potenziale des Lernens zu entfalten,  "bedarf es einer neuen Lernkultur, vielfältiger Lernformate und einer wertschätzenden Haltung. Was wirklich zählt: Vertrauen, Wertschätzung, Beziehung, Verantwortung, Sinn." (https://www.schule-im-aufbruch.de/was-ist-schule-im-aufbruch/)

 

Bild 13: Schule im Aufbruch mit Blick über den Zaun

Neben der Initiative Schule im Aufbruch gibt's den  Schulverbund Blick über den Zaun : Passend dazu an dieser Stelle einige ausgewählte Leitfragen, die unter der Rubrik 'Unser Leitbild einer guten Schule' zu finden sind. Ich habe diese Fragen dahingehend abgeändert, dass sie nicht an die Schule, sondern an mich und meinen Unterricht gerichtet sind:

  • Was tue ich, um Fachlernen nicht zu isolieren, sondern in größere Sinnzusammenhänge einzubetten, aus denen sich vernetzendes Denken entwickeln kann?
  • Wie ermögliche ich Lernen an und aus der Erfahrung?
  • Welchen Anteil haben Anschauung und Anwendung in meinem Unterricht?
  • Was tue ich, um nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern Verstehen zu lehren?
  • Wie ermögliche ich Selbsttätigkeit und Selbstständigkeit?
  • Wie fehlerfreundlich ist mein eigener Unterricht?
  • Was tue sich, um Zeit zu geben für trial and error, Erforschen und Erproben? 

Vor dem Hintergrund dieser Fragen und den Ansprüchen an das Projektlernen, ergeben sich zwangsläufig Überlegungen zu Neustrukturierung von Raum- und Zeitkonzepten. Architektur und Mobiliar müssen daher beim pädagogischen Konzept zwingend mitgedacht werden: 

 

Bild 14: Raumgestaltung

cc by Prof. Axel Burow  https://www.if-future-design.de

Wohin die Reise gehen kann zeigt eindrücklich das Konzept der Alemannenschule in Wutöschingen. Unter dem Begriff Lernen 3.0 werden hier Individualisierung, kooperatives Lernen und die entsprechenden Lernräume mitgedacht. Leseempfehlung:  https://www.alemannenschule-wutoeschingen.de/lernen-3-0/

 

Wenn man diesen Transformationsprozess von Schule also umfassend betrachtet, so ergeben sich Konsequenzen für die Schulorganisation, das pädagogische Konzept, die Leitung von Schule, den Unterricht, das Lehren und Lernen und die Rolle der Lehrenden:

 

Bild 15: Schule im Wandel

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Kommentare: 21
  • #1

    Elke Noah (Sonntag, 07 April 2019 12:46)

    Vielen Dank für diese geniale Zusammenstellung!

  • #2

    Christine Brand-von Sternburg (Sonntag, 07 April 2019 14:42)

    Wenn es doch nur Freiwillige gäbe, die neue Didaktiken für die Fächer oder besser: für die Projekte schrieben...……. Es gibt ja nicht einmal für die integriert unterrichteten Fächer, wie für GL oder NW... , einen zufriedenstellenden Status. Hier muss man die einzelnen Fachdidaktiken zusammenstückeln.... Das Umdenken und Umplanen müssen wir als Kollegien also allein an unseren Einrichtungen vornehmen! Der Prozess "von oben nach unten" (Wissenschaft/ Didaktik --> Ministerium --> Universitäten/ Seminare/ Schule ...) dauert viel zu lang! AUF GEHT´S! Vielleicht können private Schulen hier nur zeitnah federführend sein. (Nur mal so.)

  • #3

    Wolfgang Schlicht (Sonntag, 07 April 2019 16:33)

    Danke. Super Zusammenstellung.

  • #4

    Claudia, Kollegin ;-) (Sonntag, 07 April 2019 18:14)

    Toll zusammen getragen! An der Alemannschule wäre ich auch gerne Lernbegleiterin!! Großes Kino!! Und nach diesem Artikel schaue ich wieder mit Traurigkeit in unsere Klassenräume und in den unsrigen Schulalltag... Und? Ich muss die LiVD in diesem Schulsystem auch noch beraten, wohlwissend dass einige Schulen in einer Starre verharren.... also, ich befinde mich auch in einem Dilemma �

  • #5

    Dirk Bribkmann (Sonntag, 07 April 2019 18:27)

    Chapeau. Danke.

  • #6

    Miriam Gronert (Sonntag, 07 April 2019 19:02)

    Ganz hervorragender Beitrag, Jan. Vielen Dank. Ich würde gern Bild 15 - Schule im Wandel ausdrucken und in meiner Schule aufhängen, da stimmt aber was mit den Credits nicht: Vedducation schreibt man doch mit zwei "d" ?! Kannst Du das noch ändern?

  • #7

    Burkhart Firgau (Sonntag, 07 April 2019 19:15)

    Wow. Danke für diese Übersicht. Deeply impressed!

  • #8

    Jan (Sonntag, 07 April 2019 19:43)

    @Miriam: Danke für den Hinweis. Geändert!

  • #9

    Wibke Tiedmann (Sonntag, 07 April 2019 19:51)

    Super! Danke dir vielmals! Das werde ich gleich nächste Woche aufgreifen und nutzen!

  • #10

    Werner Schwarze (Sonntag, 07 April 2019 20:19)

    Schulleitungen möchten trotzdem unbedingt die Glühbirne statt der LED, überlassen Eltern, die in einer anderen Welt großgeworden sind, nämlich der ihren, die Beurteilung der Qualität des Unterrichts. Echt schwerer als nötig!

  • #11

    Norman Mewes (Sonntag, 07 April 2019 20:19)

    Interessante Zusammenstellung, danke! Allerdings enthält das 15. Bild ja erstmal bloß Richtungsangaben oder Absichten zur Schulentwicklung. Bin gespannt, was der als Follow-up schon angekündigte Beitrag zu Schulentwicklung bringt, insbesondere zum Was und Wie.

  • #12

    Jan (Sonntag, 07 April 2019 20:32)

    Insbesondere zum Was empfehle ich das Buch „Die 4 Dimensionen der Bildung“ (siehe unter Bild 11)

  • #13

    @Elihesch (Sonntag, 07 April 2019 22:55)

    Nun bin ich fertig mit meinem Vortrag im Rahmen des Starts in die Medienprojektwoche mit den Lehramtsanwärter*innen des Staatlichen Studienseminars Gera. Mmh. Hätte ich doch auch auf den aktuellen Beitrag in deinem Blog nach #BEO19 warten können ... Du hast es wunderbar auf den Punkt gebracht! Danke.

  • #14

    S__Erol (Dienstag, 09 April 2019 19:15)

    Augenöffnende Bilderschau. Ein Mutmacher für alle innovative Lehrer. Danke für das komprimierte und visualisierte Know-how.

  • #15

    Max Jüntgen (Dienstag, 09 April 2019 20:20)

    Meine Hochachtung und ein dickes Lob.

  • #16

    Ines Moegling (Mittwoch, 10 April 2019 09:07)

    Sehr genial ND strukturiert auf den Punkt gebracht! Tausend Dank dafür!

    (Mir fehlt lediglich der Begriff "Bildung für nachhaltige Entwicklung", wobei die Inhalte benannt wurden.)

  • #17

    Debbie Hill (Mittwoch, 10 April 2019 10:46)

    Simply brilliant �

  • #18

    iRoli (Donnerstag, 11 April 2019 18:24)

    Grandiose Zusammenstellung!

  • #19

    UrsMat (Sonntag, 14 April 2019)

    Lernen im digitalen Zeitalter o. im 21.Jahrhundert bedeutet auch, dass z.B.bodenständige, praktische Dinge (Kochen, Gärtnern, Handwerken/arbeit, Achtsamkeit, etc. unbedingt (wieder) angeboten werden müssen!

  • #20

    Waldemar#Golfbar (Dienstag, 16 April 2019 12:38)

    Danke für deinen Beitrag und einen Fokus auf Lernen statt Lehren.
    Es wird aus meiner Sicht auch wichtig sein, einen Wandel von Didaktik (Kunst des Lehrens) in Mathetik (Kunst des Lernens) zu gestalten.

  • #21

    Gritt Stavenhagen (Mittwoch, 17 April 2019 12:02)

    Vielen Dank für die Arbeit und das Engagement . Weiterhin viel Kraft, Geduld und Glück (z.B. die richtigen Mitstreiter zu finden), auch an alle Kommentatoren.
    Und ja die Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) ist das perfekte Erprobungsfeld für die schöne, neue Welt des Lernens.