13.03.2022 - Wie Corona Schule und Unterricht verändert hat

Heute ist der 13.03.2022. Genau 2 Jahre nach Beginn der Einschränkungen durch Covid 19. Die Pandemie hat unsere Vorstellung von schulischer Bildung so radikal verändert, wie ich es kaum für möglich gehalten hätte. Dieser Artikel zeigt die wichtigsten Stationen in einer chronologischen Abfolge der letzten 24 Monate, die uns auf eine veränderte und sich immer noch verändernde Schule blicken lässt. Natürlich bleibt dieser Rückblick auf Niedersachsen bezogen, wenngleich in den meisten anderen Bundesländern ähnliche Maßnahmen und Prozesse angeschoben wurden.  Denn das ist ein positiver Nebeneffekt von Corona: Die Bildungspolitik der Länder ist viel enger miteinander verzahnt und trotz des (noch) bestehenden Bildungsföderalismus sind hier in den letzten zwei Jahren durchaus einheitliche Wege gegangen worden. 

 

Jetzt aber der Reihe nach:

 

April 2020 - Der Startschuss

Direkt mit der Bekanntgabe der vorgesetzten Schulschließung bis zu den Sommerferien bringt die Politik verschiedene Protagonisten aus Schule und Bildung zu einer AG 'Schule im Wandel' zusammen. Was zunächst als Thinktank gedacht war, entpuppt sich schnell als ein Gremium, welches die aktuelle und zukünftige Struktur von Homeschooling gestalten soll. Dazu gehören u.a. die Bereiche Infrastruktur, Schulcloud, Greräteausstattung, Fernunterricht, digitale Prüfungsformate uvm. Entsprechend wird die AG finanziell und rechtlich durch die Politik begleitet und es erfolgt eine Weichenstellung für eine echte Reform der bisherigen Präsenzschule.

 

Juni 2020 - AG 'Schule im Wandel'

Schon im Sommer 2020 legt die AG (inzwischen mit veränderter Besetzung mit Menschen aus Theorie und Praxis) ein umfassendes Strategiepapier vor. Mit dem  Konzept 'Schule im Wandel 2025' wird ein konkreter Fahrplan für den Transformationsprozess von Schule geschaffen, der vor allem die Dimensionen des Lernens  (Das Was, Warum, Wie, Wann und Wo) in den Mittelpunkt aller anzustrebenden Veränderungen stellt. Aus den Homeschooling-Erfahrungen können bereits vorher entwickelte Strategien bezüglich der Digitalisierung mit einbezogen werden und noch vor den Sommerferien politisch auf den Weg gebracht werden. Für die spätere Ergänzung durch das Projekt 'Schulraum 2030' wird hier maßgeblich der Grundstein gelegt. 

 

August 2020 - Die ersten Erlasse treten in Kraft

Mit der abflauenden Pandemie während der Sommermonate und der bevorstehenden Schulöffnung treten die ersten revidierten Erlasse in Kraft. Hier in Kürze die aus meiner Sicht relevantesten Veränderungen: 

  • Der Erlass zu BNE beinhaltet die Möglichkeit einen FreiDay zur individuellen Projektarbeit an Schulen zu installieren. Nach Vorlage des Konzeptes der Initiative 'Schule im Aufbrauch' geht es im Besonderen um die Ermöglichung von Freiraum, welcher  "zentrale Zukunftskompetenzen wie Mut und Vertrauen in Ungewissheit fördert und junge Menschen befähigt, mit Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität umzugehen. Der FREI DAY macht Schulen zu WERK-Stätten, WIRK-Stätten und TAT-Orten für weltverantwortliches Handeln." 
  • Die Erlasse zu den schriftlichen Arbeiten, zur Leistungsbewertung und zu den Zeugnissen in allgemeinbildenden Schulen in Niedersachsen wurden dahingehend verändert, dass es weniger punktuelle Prüfungen gibt und dazu deutlich mehr Prozessorientierung. Dies soll in allen Fächern in den entsprechenden curricularen Vorgaben bis zum Januar 2021 eingearbeitet sein. Um dieser Entwicklung gerecht zu werden ist es von nun an möglich, an allen Schulen auf Ziffernnoten zu verzichten oder sie  ggf. als Ergänzung zu schriftlichen Feedbacks zu nutzen. Als besonderes Zeichen werte ich zudem die Abschaffung von Vergleichsarbeiten und einzelnen Jahrgängen, da hier ein 'learning for Testing' im Fokus steht. 
  • Die dritte wichtige Veränderung als Resultat der Vorarbeit der AG 'Schule im Wandel' ist die Veränderung der Grundsatzerlasse und Kerncurricula. In allen Schulformen und allen Fächern soll bei der Überarbeitung vor allem an der Entfrachtung von Inhalten gearbeitet werden, um Zeit für echte Lernwege und deutlich mehr Projektorientierung zu gewinnen. Lernportfolios werden verpflichtend eingeführt. Ein entsprechendes digitales Modul soll in der Cloud zur Verfügung gestellt werden. 

November 2020 - Leitidee 'Schulraum 2030'

Im November kommt es erstmalig zum Treffen der Projektgruppe 'Schulraum 2030', die Schulumbauten mit denen vom Bund in Aussicht gestellten Geldern ab 2022 planen und vorbereiten soll. Die Gruppe setzt sich aus Mitgliedern der AG 'Schule im Wandel', Architekten, Stiftungen, Vertretern aus der Wirtschaft und Start Ups zusammen. Ziel ist es, den Weg des veränderten Lernens (Was und Warum wird gelernt), der durch die zahlreichen Änderungen der Erlasse eingeschlagen wurde, nun auch konsequent auf die Lernumgebungen (Zoom! Shake the room - Vom Lehrraum zum Lernraum) zu übertragen (Wie und Wo wird gelernt). Zusätzlich zu den Geldern vom Bund will das Land Niedersachsen den Etat aufstocken. Perspektivisch geht es darum, Schulen bis zum Jahr 2030 so umzugestalten, dass Lernen wirklich individualisiert, flexibel, ortsungebunden und offen gestaltet wird. Neben echten Schülerarbeitsplätzen sollen auch Flächen für die Lehrkräfte geschaffen werden. Es geht dabei weniger um Neubauten als viel mehr um kreative Lösungen für Schulmobiliar, Flurnutzungen und offene Räume. 

 

März 2021 - Eigenverantwortliche Schule

Als weiterer Meilenstein gilt die radikale Überarbeitung des Erlasses 'Übertragung erweiterter Entscheidungsspielräume an Eigenverantwortliche Schulen' (Quelle) aus dem Jahr 2013. Schulen bekommen nun deutlich mehr Möglichkeiten u.a. in den Bereichen der Budgetierung, Stundentafel, Fachstruktur und Personalentscheidungen. Ziel ist es, mehr Flexibilität und Agilität in das System zu bekommen und Innovationsprozesse durch vereinfachte Beantragungen von sog. Schulversuchen zu ermöglichen.  Noch ahnt man nicht, wie viele Schulen diesen Weg schon zum Sommer 2021 einschlagen werden.

 

Mai 2021 - Abitur und weitere Abschlüsse

Mit einer weiteren Arbeitsgruppe sollen die Weichen nachhaltig auf eine Veränderung von Lernen in Schule gestellt werden. Ziel ist die Veränderung von Abschlussprüfungen und die Reform antiquierter Prüfungsformate. So sollen die Änderungen vor allem digitale Prüfungen (Stichwort Rechtssicherheit) und kooperative Prüfungsformate ermöglichen. Die durch die Erlassänderungen in den Mittelpunkt gerückten Lernprozesse sollen sich in den Prüfungen abbilden. In Abschlussprüfungen soll es daher neben Rechercheaufträgen auch Gruppenaufgaben als Teilleistung geben. Das verpflichtende Lernportfolio soll ebenfalls in den Prüfungen verwendet werden dürfen. Angestrebt ist für Niedersachsen das erste sog. digital-kooperative Abitur im Jahr 2023. Für die Real- /Ober- und Hauptschulen sind ähnliche Veränderungen vorgesehen. 

 

September 2021 - Partnerschulen

Um die Fähigkeit zur Zusammenarbeit nicht nur im Unterricht zu fördern, sind auch Schulen dazu angehalten, sich auszutauschen und zu vernetzen. Dazu werden Schulen nun verpflichtet, eine regionale Partnerschaft mit einer anderen Schule einzugehen. Im Fokus der Kooperation stehen vor allem folgende Punkte:

  • gemeinsame Planung, Durchführung und Auswertung von Unterricht nach der Lesson Study Methode
  • gemeinsame Erarbeitung eines sog. Schulentwicklungsplanes (SEP) als Voraussetzung für die Leitidee 'Schulraum 2030'.
  • gemeinsame Erarbeitung von digitalen Unterrichtsbausteinen
  • Zusammenarbeit in Projekten zu BNE und dem FreiDay
  • Planung und Durchführung eines gemeinsamen Kollegiumsausfluges
  • Lehrer*innen-Austausch für einen Zeitraum von bis zu 6 Wochen
  • gegenseitige Schüler*innen-Hospitationen 

Die Zusammenarbeit soll über mehrere Jahre ermöglicht werden und wird in den ersten zwei Jahren durch die AG 'Schule im Wandel' begleitet. Erkenntnisse sollen so direkt anderen Schulen zu Gute kommen und wichtige Ansatzpunkte für die Arbeit der  AG 'Schulraum 2030' liefern. 

 

Januar 2022 - Von der Leitidee zur Umsetzung

Die Leitidee 'Schulraum 2030' hat es tatsächlich in die Umsetzung geschafft. Der Bund hat alle nötigen Gesetzesänderungen auf den Weg gebracht. Der Solidaritätszuschlag (ca. 19 Mrd.  Euro) fließt nun ab diesem Jahr direkt in den Bildungsbereich. Aus Solidarität mit den zukünftigen Generationen sollen Umbauten und Modernisierungen bis 2030 bundesweit vorangetrieben werden. Aus alten Schulkasernen sollen moderne Lernlandschaften entstehen, die den Anforderungen des 21. Jahrhunderts entsprechen: Smart, flexibel, offen und nachhaltig. Um die Gelder abrufen zu können, brauchen Schulen in Niedersachsen einen SEP, der einen kurz- , mittel- und langfristigen Reformprozess beinhalten muss. 

 

März 2022

Aktuell liegt der Arbeitsschwerpunkt auf der weiteren Veränderung von Unterricht und der Auflösung von klassischen Fachstrukturen. Dazu werden gerade 20 Modellschulen ausgewählt, die ab dem Sommer den themenorientierten Unterricht (THEO) umsetzen und so noch mehr vernetztes und interdisziplinäres Lernen und Arbeiten ermöglichen sollen. Parallel wird ein entsprechender Erlass (der sog. THEO-Erlass) erarbeitet, der dann zum Sommer 2023 in Kraft treten wird. Die Vielzahl der Veränderungen wird weiter begleitet und vernünftig evaluiert werden müssen. Zusätzlich gibt es Bestrebungen der AG 'Schule im Wandel', auch ein neues Lehrerarbeitszeitmodell auf den Weg zu bringen. Grundlegend ist dafür die angestrebte Umsetzung von 'A13 für Alle' zum August 2022. Wir dürften also wieder gespannt sein.  

 

To be continued...

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Kommentare: 14
  • #1

    Johanna (Samstag, 11 April 2020 20:35)

    *Herz hüpft, Bauch kribbelt! ☺️☺️ Aufbruch!!

  • #2

    Amelie (Samstag, 11 April 2020 20:50)

    Sehr coole Idee, die Entwicklung in dieser Form weiterzudenken - danke!
    Modellschulen finde ich schon jetzt nicht zeitgemäß, das Format passt für mich deshalb nicht in eine Utopie, aber sonst wirklich sehr inspirierend �.

  • #3

    Claudia (Samstag, 11 April 2020 21:15)

    ... könnte ich mir alles SEHR GUT vorstellen!!!
    Ach, und was mir da noch alles einfallen würde...
    OH JA! Schule neu denken macht einfach Spaß!!!
    Danke für deine Artikel!!!!

  • #4

    Maik (mccab99) (Sonntag, 12 April 2020 00:12)

    Das ruft nach einem Paralleltext. Danke für all das Positive ...

  • #5

    Vanessa (Sonntag, 12 April 2020 08:52)

    Yhippie... auf gehts.... ich freu mich sooooooo auf 2022...��

  • #6

    Tobi (Sonntag, 12 April 2020 12:07)

    Super Artikel ! Vielen Dank! All diese Konzepte zur modernen Schularchitektur, digitalen Prüfungsformate etc. gibt es ja schon! Es geht wie so oft darum, diese weiterzudenken, weiterzutragen und in den Köpfen sämtlicher Verantwortlichen zu implementieren !!!

  • #7

    Heidi (Sonntag, 12 April 2020 18:48)

    Jaaaaaaaaa!!! Bin ganz positiv nervös gerade!!

  • #8

    Vanessa2 (Dienstag, 14 April 2020 23:47)

    Wow! Der Bauch kribbelt und ich bin so voller Tatendrang. Ich frage mich, was wir tun können, um solche Ideen (wahrscheinlich ohne die Politik...) umsetzen zu können.

  • #9

    Christina Petsch (Mittwoch, 15 April 2020 20:44)

    Glorious Revolution! Wirklich fantastisch geschrieben. Jetzt ist es an uns, aktiv zu werden und unsere Ideen umzusetzen. Jeder einzelne von uns ist in der Verantwortung, seinen Beitrag zu leisten. Lasst es uns anpacken, die Zwit dafür war nie reifer. Genug Ideen sind da.

  • #10

    Tobias (Donnerstag, 16 April 2020 20:52)

    Wow! Das sieht nach einer Schulpolitik aus, die verstanden hat, was wirklich zählt und wie man unsere Kinder, Lehrkräfte und Schulen für die Zukunft fit macht.
    Auf geht's!

  • #11

    Babs (Samstag, 18 April 2020 17:07)

    Guter Plan, bitte unbedingt nachverfolgen
    Erfolgskontrolle ist so ja ein Klacks ;-)

  • #12

    Neumann Walter (Mittwoch, 29 April 2020 23:05)

    Interessanter Ansatz.

    Was zur Zeit stattfindet, ist kein „Homeschooling“, Das ist nach dem Schulgesetz der Länder nicht legal. Die klassische Form von „Homeschooling“ kooperiert nicht mit der regulären staatlichen Schule. In diesem Sinne ist Hausunttericht ein autonomer Bildungsprozess und ist von der „Institution Schule“ losgelöst. In Ländern wie die Schweiz, Kannada, USA etc. ist Hausunterricht legal.

    Was die Bildungesreform betrifft, wird sie m. E. nicht mehr einzig auf die “Schulhaus-Awesenheits-Pflicht“ bestehen bleiben. Hierfür müssen alle Anstrengungen unternommen werden, dass der „allgemeinen Schulpflicht“ ein Ende bereitet werden sollten bzw. eine Novellierung statuiert werden muss.

    Ich kann von Fällen berichten, die das o.g. Modell ohne Umschweife befürworten werden. Ebenso kenne ich Fälle, die auf Grund der jetzigen Umstände ins alte System Schule nicht mehr zurück wollen. Und dem mus in einer pluralistischen freiheitlichen Demokratie ebenso Respekt und Zuspruch gelten. Und hier möchte ich kritisch darauf hinweisen, dass die BRD zum gegenwärtigen Zeitpunkt sich nicht als liberal, sondern einen ausgesprochenen restriktiven Charakter im Bildungssystem vorzuweisen hat der „Zwanghaft“ ist. Daher plädiere ich für eine Reform, die nicht nur einem Modell zu Grunde liegen, sondern immer von den individuellen Lernfenstern eines jungen Menschen ausgehen sollte bzw. muss. Und das schafft die klassische Pädagogik nicht, da sie vornehmlich den jungen Menschen als Objekt zur Umsetzung des Lehrplanes vorsieht ... da lege ich wert, dass dem besonders Augenmerk zu kommen muss ... vor allem, wenn der Bildung Autonomie zugestanden werden soll - bzw. junge Menschen, die den Weg der „Freien Bildung“ gehen sind bereits autonom ...

  • #13

    Martin (Freitag, 01 Mai 2020 12:33)

    Jan, du bist mein Traum-Kultusminster! Danke.

  • #14

    Manfred Schloßhan (Dienstag, 12 Mai 2020 16:36)

    Das Szenario "13.03.2022" ist inspirierend!
    In den vergangenen 15 Jahren habe ich als Lehrkraft, Schulentwicklungsberater und Fortbildner versucht, an der "Schule der Zukunft" mitzuwirken. Mit relativ großen Frustrationserlebnissen.
    Nachdem ich mich seit rund 2 Jahren mit meinem Engagement zurückgehalten habe, um nicht zu "verbrennen", hoffe ich jetzt, dass sich mit der aktuellen Krise die, vielleicht letzte, Chance auftut, dass Schule doch noch "die Kurve bekommt".
    Doch noch sehe ich die Lehrkräfte und Schulleitungen in der Mehrzahl, die das alte System schnell 1:1 wiederherstellen wollen, obwohl sie erleben müssen, dass es nicht mehr funktioniert. Quasi wie ein Autofahrer, der versucht Vollgas zu geben, obwohl mindestens zwei der vier Wagenräder fehlen. Sie bombardieren die Schülerschaft und deren Eltern mit Arbeitsblättern, schießen im täglichen/stündlichen Takt Anweisungen raus etc..
    Auf der anderen Seite sehe ich die von Ihnen skizzierte Vision. Doch die wenigsten Schulen werden den Weg dorthin aus eigener Kraft schaffen, für Schulentwicklung fehlt oft vor Ort die Expertise, die Energie der anwesenden Lehrkräfte ist durch Präsenzunterricht und Homeschooling gebunden. Wie finden die Veränderungsbereiten in den Schulen, auch schulübergreifend, zueinander und Unterstützung? … und das in Zeiten von "Corona". Es müsste ein virtuelles Schulentwicklungssystem aufgebaut werden ...